10. März 2016

Im Profil: Coconat - a Workation Retreat

Im Profil: Coconat - a Workation Retreat

In der Natur konzentriert arbeiten. Irgendwo im Wald, an einer Tischtennisplatte, in einem Baumhaus oder auf einem Floß im See. Das ist die Idee von Coconat, ein Workation Retreat, das im vergangenen Jahr in Brandenburg seinen ersten Sommer erlebte und in diesem Jahr an einem anderen Ort fortgesetzt werden soll. Das Coconat-Team besteht aus drei Gründern und einer Gründerin: Julianne Becker, Janosch Dietrich, Christian Söder und Michael Kloos. Kreatives Brandenburg hat mit Janosch Dietrich über Coconat, den Sommer der Pioniere und digitales Arbeiten in der Natur gesprochen.

Interview: Bianca Loschinsky

 

Janosch, im vergangenen Jahr habt Ihr in Götzerberge bei Groß Kreutz COCONAT eröffnet - ein Workation Retreat. Was genau steckt dahinter?

Coconat steht für community and concentrated work in nature. Es ist ein Ort für Menschen vor allem aus der Stadt, die sich dort zurückziehen können zum konzentrierten Arbeiten, die dabei aber nicht allein sind - und das Ganze in der Natur in Brandenburg.

Kann man sich dort besser konzentrieren als in der Stadt?

Ja, das kann man. Man verlegt seinen Arbeitsort für eine begrenzte Zeit dahin und zieht sich einfach mal aus allem heraus. Die negativen Ablenkungen der Stadt, wie Lärm, Hierarchien und Stress lässt man für eine Weile hinter sich, aber auch die positiven, wie Freunde und Familie. Man kennt das ja auch aus dem Urlaub: Man bekommt neue Energie.

Im vergangenen Jahr war Coconat in einer alten Villa aus dem 19. Jahrhundert und einem ehemaligen DDR-Schulungszentrum in Götzerberge untergebracht. Wie habt Ihr diesen Ort gefunden?

Wir hatten uns eigentlich ein anderes Objekt in Götzerberge angeschaut. Ein altes Kinderferienlager, das zwangsversteigert werden sollte. Das hat uns allerdings nicht gefallen. Beim Hinausfahren aus dem Ort haben wir dann dieses Gebäude gesehen.

 

Jetzt plant ihr in diesem Jahr schon wieder umzuziehen, von Götzerberge in einen Ortsteil von Bad Belzig.

An Götzerberge hängt schon unser Herz - wir haben so viel Arbeit hinein gesteckt und auch ein halbes Jahr dort gelebt, aber leider gab es verschiedene Probleme. Das Grundstück in Götzerberge steht nicht zum Verkauf. Bei den großen Investitionen, die wir hätten vornehmen müssen, ist das jedoch für uns entscheidend. Außerdem gab es dort kein schnelles Internet. Und leider ist es auch nicht absehbar, dies mit einer öffentlichen Förderung hinzubekommen. Ein weiterer wichtiger Grund war, dass das Denkmalamt ein Veto gegen unseren Bauantrag eingelegt hat.

All diese Probleme gibt es in Bad Belzig nicht, wir hoffen daher sehr, den Zuschlag für das Grundstück zu bekommen. Die Wirtschaftsförderung Potsdam-Mittelmark und der Leiter vom Tourismusverband Fläming-Havel hatten uns auf der Grünen Woche von dem alten Gutshof Glien erzählt. Wir haben wir uns jetzt darum beworben.

Ihr habt für Coconat im vergangenen Jahr eine Crowdfunding-Kampagne auf Visionbakery gestartet. Über 27.000 Euro sind zusammengekommen. Was habt Ihr mit dem Geld finanziert?

Damit haben wir den Ausbau des Piloten finanziert. Götzerberge war für uns ein Pilotprojekt, um einen „Proof of Concept“ zu erbringen. Über die Crowdfunding-Kampagne gab es im Prinzip Vorverkäufe. Die Leute haben damit quasi Zimmer bei uns gebucht, die sie auch bereits im vergangenen Jahr nutzen konnten.

Wo habt Ihr Euch noch finanzielle Unterstützung geholt?

Eine Beratung haben wir über „Innovationen brauchen Mut“ bekommen. Förderungen gab es vom Landwirtschaftsministerium und von Erasmus für Jungunternehmer. Und jetzt bewerben wir uns für HORIZON2020. Wenn wir tatsächlich in Bad Belzig ansässig werden, kommen sicherlich auch GRW-Mittel für uns in Frage. Unser Workation Retreat ist ja eine Form des Gesundheitstourismus: Wir bieten eine Art Work-Life-Balance.

 

Im August und September seid ihr mit dem „Sommer der Pioniere“ gestartet. Wie viele Gäste kamen?

Wir hatten 30 Gäste, die zwischen zwei Tagen und zwei Wochen geblieben sind. Außerdem kam noch für eine Woche ein deutsch-französisches Kulturprojekt hinzu, die u.a. Upcycling-Workshops gemacht haben.

Aus welchen Branchen kommen die Leute?

Viele Programmierer aus dem Games-Bereich und Grafikdesigner. Aber es kamen auch viele Akademiker, die an ihrer Doktorarbeit oder Habilitation schreiben wollten. Damit hatten wir nicht gerechnet. Auch interdisziplinäre Teams kamen zum Arbeiten nach Götzerberge.

Waren es hauptsächlich Berliner?

Eigentlich hatten alle Gäste gerade ihren Lebensmittelpunkt in Berlin. Der Ausländeranteil lag ungefähr bei 50 Prozent, da eine unserer Zielgruppen digitale Nomaden sind. Da haben aber auch die meisten den Weg über Berlin nach Brandenburg gefunden.

 

Haben die Gäste auch wirklich gearbeitet oder hauptsächlich die brandenburgische Natur genossen?

Die Leute haben wirklich konzentriert gearbeitet. Wir haben später noch eine Auswertung gemacht, und die Gäste waren alle sehr zufrieden. Manche haben bis spät nachts oder früh morgens gearbeitet.

Können auch Brandenburger aus der Umgebung die Arbeitsplätze von Coconat nutzen?

In der Stadt gibt es solche Orte, wie Coworking Spaces oder andere Orte, die als Kreativitätsknoten funktionieren, wo sich auch Start-ups ansiedeln. Das gibt es auf dem Land eher nicht, weil man dort ein Coworking Space kaum wirtschaftlich betreiben kann. Wir glauben jedoch, dass wir durch die reisenden Coworker eine kritische Masse erreichen können. Und diese Infrastruktur von Coconat soll auch der lokalen Bevölkerung zur Verfügung stehen. Ganz wichtig sind dabei die Brandenburger, die täglich nach Berlin pendeln, die dadurch zwei bis zweieinhalb Stunden Zeit verlieren. Ein Arbeitgeber wird einem Telearbeitsplatz viel eher zustimmen, wenn dieser in einem Umfeld ist, in dem noch andere Menschen arbeiten als wenn dieser Arbeitsplatz zu Hause ist. Wir könnten also den Pendlern Plätze bei Coconat anbieten, aber auch Selbstständigen in der Region und jungen Gründern. Coconat soll also eine Art Hybrid-Raum zwischen Stadt und Land werden, keine Berliner Blase in Brandenburg.

Damit ist auch ein Ganzjahresbetrieb geplant?

Ja. In Bad Belzig haben wir natürlich auch noch den Vorteil, die Stein-Therme vor Ort zu haben.

 

Wieviel muss man zahlen, um bei Coconat übernachten zu können?

Im vergangenen Jahren hatten wir sehr einfache Unterkünfte. Wir hatten zum Beispiel einen Zeltplatz innerhalb des Hauses. Alte DDR-Zelte wurden auf sieben Tonnen Sand aufgestellt und mit neuen Matratzen und Bettdecken ausgestattet. Indoor-Glamping! (lacht). Die Gäste bekommen auch Vollverpflegung. Das ist ein ganz zentraler Aspekt, dass alle zusammen essen und für einen Moment aus ihrer Arbeit herauskommen. Kaffee und Tee gibt es auch umsonst. Alles zusammen hat im vergangenen Jahr pro Tag 40 Euro gekostet.

In Götzerberge gab es verschiedene Übernachtungsmöglichkeiten: im Waldhäuschen, im Strandhaus mit Zelten und ab diesem Jahr sollte es auch Hotelzimmer geben. Was plant Ihr für Bad Belzig?

Da wird es auf jeden Fall Hotelzimmer geben. Das Indoor-Campen wollen wir auch gern wieder anbieten. Und eventuell auch so etwas wie ein Heu-Hotel.

Ändern sich dann auch die Preise?

Wir wollen auf jeden Fall das Niedrigpreis-Segment beibehalten, weil wir sonst die ganzen Leute, die im vergangenen Jahr bei uns waren, verschrecken. Wir wollen drei Preis-Kategorien anbieten, die sich dann nur in der Unterkunft unterscheiden. Eine weitere Idee ist, auch Monks, also so eine Art Mönche bei uns zu haben, die kein oder wenig Geld haben, gern aber für längere Zeit bei Coconat bleiben wollen. Diese können uns dann gegen Kost und Logis unterstützen, zum Beispiel Frühstück zubereiten oder Betten machen.

 

In Götzerberge konnte man sogar an einer alten Tischtennisplatte im Wald arbeiten. Welche ungewöhnlichen Orte plant Ihr in der Zukunft?

Ich würde gerne „Offices in the Sky“ einrichten, also Mini-Baumhäuser, die miteinander verbunden sind. Dann gibt es einen natürlichen Pool auf dem Grundstück. Dort könnte man auf einem Floß arbeiten. Das Konzept ist, dass es ein Herzstück gibt - mit Unterkünften und Essensbereich - und außerdem eine Satellitenstruktur mit verschiedenen Arbeitsmöglichkeiten in der Natur. Zum Beispiel in einem alten Zirkuswagen im Wald oder auf einem Jägerhochsitz.

Wann soll Coconat wieder geöffnet werden?

Geplant ist, im Juli zu eröffnen. Das hängt davon ab, ob wir Bad Belzig von unserem Konzept überzeugen können und wie schnell die Entscheidung zum Verkauf getroffen wird. Wir werden dann erst einmal wieder nur temporär aufmachen und im Winter renovieren, so dass 2017 dauerhaft geöffnet werden könnte.

 

Digitale Nomaden haben ihren Schreibtisch immer dabei, arbeiten in Cafés, Coworking Spaces, zu Hause. Wo kannst Du am besten arbeiten?

Auf jeden Fall nicht zu Hause. Für mich ist der Wechsel beim Arbeiten wichtig. Manchmal arbeite ich in Brandenburg. Dann habe ich ein Büro in Friedrichshain. Außerdem arbeite ich im Coworking Space raumstation in Moabit. Ich habe eigentlich vier Schreibtische, die ich im Rotationsprinzip nutze.

Wieso ist das für dich wichtig?

Ich mache sehr viele unterschiedliche Sachen, und so kann ich sie sehr gut voneinander trennen.

Euer Team besteht aus vier Leuten, die alle unterschiedliche Berufe haben. Coconat ist für Euch alle ein zusätzliches Projekt?

Im Moment finanzieren wir uns alle noch über andere Jobs. Aber die Idee ist schon, dass wir mittelfristig von Coconat leben können. Es soll auf jeden Fall ein wirtschaftlich tragbares Unternehmen sein.

Dann zieht Ihr auch alle nach Brandenburg?

Der Plan ist, in Berlin und Brandenburg zu leben. Und im Winter vielleicht auf Bali. Wir möchten also weiterhin beides haben. Unser Berliner Leben wollen wir jetzt nicht ganz aufgeben. Es ist nicht so, dass wir keine Lust mehr auf Berlin haben. Wir haben einfach auch Bock auf Brandenburg.

Weitere Informationen:
http://coconat-space.com

Fotos: Nadja Bülow

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