8. Oktober 2014

Im Profil: Die Nachwuchsdesignerin Anneke Goertz

Im Profil: Die Nachwuchsdesignerin Anneke Goertz

Hervorragende Absolventinnen und Absolventen des Fachbereichs Design der FH Potsdam stellten am 17. und 18. Oktober ihre Abschlussarbeiten in der Ausstellung Applaus vor. Mit dabei war auch die Masterarbeit von Anneke Goertz. Unter dem Titel „A wie Alzheimer, Angehörige und Alltag“ hat sich die 30-Jährige mit der Krankheit unter Design-Gesichtspunkten beschäftigt. Betreut wurde die Masterarbeit von den Professorinnen Alexandra Martini und Marion Godau. Kreatives Brandenburg hat mit Anneke Goertz über ihre Arbeit gesprochen, die von der FH Potsdam bereits mit dem Gender-Preis ausgezeichnet wurde.

Interview: Bianca Loschinsky

 

Hallo Anneke, A wie Alzheimer und D wie Design – wie passen die beiden zusammen?

Diese Frage wurde mir während der Masterarbeit immer wieder gestellt. Eigentlich passt es schon zusammen – wenn auch nicht auf den ersten Blick. Es gibt unheimlich viele Produkte für Alzheimer-Patienten, die müssen ja auch in irgendeiner Weise gestaltet werden. Ich habe meine Masterarbeit auch mit dieser Intention angefangen. Ich dachte, ich mache ein tolles Produkt, das „die Welt verändert“. Es hat sich relativ schnell in Gesprächen mit den Angehörigen, den Patienten und auch Pflegekräften herausgestellt, dass es das überhaupt nicht braucht. Es gibt bereits viele Produkte, die jedoch oftmals nicht den richtigen Zweck erfüllen oder viel zu teuer sind. Viel öfter verschaffen sich Pflegekräfte oder Angehörige selbst Abhilfe, das heißt sie gucken in anderen Bereichen, was sie für die erkrankten Angehörigen benutzen können, zum Beispiel aus dem Spielbereich. So ist dann auch meine Idee entstanden, ein Buch zu machen. Ein Handbuch für pflegende Angehörige. In diesem Buch habe ich Probleme aus dem Alltag aufgegriffen. Ich habe analysiert, welche Produkte es schon gibt und habe dann überlegt, wie man als Laie selbst Hilfen oder Produkte entwickeln kann.

Ein Beispiel: So haben Alzheimer-Patienten oftmals Probleme mit dem Greifen, so dass sie zum Beispiel das normale Besteck nicht gut benutzen können. Im Sanitätshaus gibt es ein extra Besteck mit einem breiten Griff, das im Set 60 Euro kostet. Man kann aber genauso gut im Drogeriemarkt Papilotten für die Haare kaufen und diese einfach über das eigene Besteck drüber stülpen. Kosten nur 1,50 Euro.

Deine Masterarbeit ist eine designtheoretische Betrachtung der Alzheimer-Krankheit. Wieso hast Du Dich für dieses Thema entschieden?

Das war eigentlich Zufall. Ich habe mich in Potsdam mit einem ganz anderen Thema beworben – mit dem Thema „Heimat“. Im ersten Semester habe ich mich auch damit befasst. Es hat mich aber ziemlich schnell ermüdet, weil „Heimat“ zu der Zeit ein großes Trendthema war. Als ich mich mit einer Freundin zu „Heimat“ unterhalten habe, hat sie mir von ihrer Alzheimerkranken Oma erzählt. Da bin ich zum ersten Mal mit diesem Thema in Kontakt gekommen und fand es gleich sehr spannend. Ich habe überlegt, ob ich das Thema „Heimat“ in Bezug auf Alzheimer betrachten könnte. Ich musste jedoch feststellen, dass beide Bereiche zu umfassend für eine Masterarbeit waren, so dass ich mich schließlich auf Alzheimer beschränkt habe.

Wie bist Du vorgegangen? Hast Du Dich mit Alzheimer-Patienten und deren Angehörigen getroffen?

Ich habe in drei verschiedenen Seniorenresidenzen in Potsdam hospitiert. Ich habe an den Beschäftigungsangeboten teilgenommen, habe mit den Patienten gebastelt, gespielt oder Gedächtnistraining gemacht. In der Tagespflege habe ich auch den Alltag mit gestaltet. Ich habe viele Gespräche geführt - mit Pflegerinnen und Pflegern und auch mit den Erkrankten selbst. Über die Alzheimer-Gesellschaft Brandenburg habe ich außerdem Kontakt zu Angehörigen bekommen, die selbst pflegen.

 

Was ist Dir bei Deinen Recherchen aufgefallen?

Es gibt wenige Produkte, bei denen man das Gefühl hat, dass sie von Designern gestaltet wurden. Es gibt viele Produkte, die sehr kindlich sind. Aber die Alzheimer-Erkrankten sind immer noch Erwachsene, die unfassbar viel erlebt haben. Da kann man nicht mit einem „Prinzessin-Lillifee-Puzzle“ um die Ecke kommen. Das wird dem nicht gerecht. Auf der anderen Seite gibt es immens viele Produkte, die nach Krankheit und Krankenhaus aussehen. Es gibt wenige ästhetische Produkte. Und zudem sind die Produkte oftmals extrem teuer.

Ein Beispiel ist eine Sensor-Matte. Alzheimerkranke haben oft einen gestörten Schlaf-Wach-Rhythmus, sie verlassen das Bett, das Zimmer oder auch die Wohnung, was gefährlich werden kann. Sensor-Matten informieren darüber, wenn der Kranke aufgestanden ist und aus dem Zimmer oder der Wohnung geht. Die Matten kosten um die 700 Euro. Ich habe mir überlegt, dass man auch einfach in einem Bastelladen ein paar Glöckchen kaufen und diese an einer Schnur an der Tür befestigen kann. Es wirkt auf den ersten Blick etwas naiv, aber es bringt den gleichen Effekt und kostet nur zwei Euro.

Alzheimer ist mit Abstand die häufigste Demenz-Art. Wie war für Dich persönlich die Auseinandersetzung mit dem Thema? Bekommt man Angst vor einer solchen Krankheit?

Nein. Ich hatte aber auch wenig Berührungsängste und ich war wenig emotional, was nicht heißen soll, dass ich kaltherzig bin. Es hat mir einfach viel Freude gebracht. Wahrscheinlich auch, weil ich nicht selbst betroffen war. Manchmal war es etwas erschreckend, wenn man mitbekommen hat, wie die Patienten zum Beispiel Dinge oder Personen sehen, die nicht existieren und sie dann wirklich in Panik geraten. Ich habe dabei gelernt, dass es sehr wichtig ist, die Situation und Gefühle Ernst zu nehmen und auf die Ängste einzugehen.

Aus Deinen Recherchen und Analysen ist ein praktisches Nachschlagewerk entstanden, damit pflegende Angehörige den Alltag besser bestreiten können. Du hattest ja schon ein Beispiel genannt – das Essbesteck mit den Papilotten. Welche Tricks und kreativen Anwendungen für die Angehörigen beinhaltet Dein Buch noch?

Auch beim Putzen kann man sich gut helfen. Ein Plastiktischset war fast mein Allround-Produkt, das ich oft verwendet habe. Dazu nimmt man dann noch ein Schwammtuch, das man an den Kanten einschneidet. Aus dem Tischset schneidet man sich einen Griff, den man dann durch das Schwammtuch fädelt. Wenn man zum Beispiel auf den Boden kleckert, wirft man den Lappen auf den Boden, schiebt den Fuß hinein und wischt dann – ein bisschen wie Pippi Langstrumpf – den Fleck weg. Oftmals fällt den Erkrankten das Bücken schwer, und die Gefahr ist groß, dass die Personen in solchen Fällen stürzen. Außerdem habe ich eine Waschhilfe entwickelt. Man holt sich einen Körperschwamm im Drogeriemarkt, bohrt ein Loch und klebt einen Pinsel hinein. Dann kann man sich gut den Rücken schrubben.

 

Hast Du das alles selbst ausprobiert?

Ja! Ich habe alles selbst getestet. Es war mir wichtig, dass auch wirklich alles funktioniert. So auch eine Aufstehhilfe aus Klopömpeln und einem Metallbügel. Damit kann man sich an Fliesen festsaugen und aufstehen. Das habe ich relativ lange modifiziert, bis es funktioniert. Man muss jedoch schauen, wie schwer die Person ist und man sollte darauf achten, nicht die Fuge zu treffen, weil die Pömpel dann nicht saugen.

Hast Du noch einmal mit Pflegekräften oder Angehörigen darüber gesprochen, wie man die Produkte anwenden kann?

Einiges habe ich testen lassen, aber nicht alles. Das Besteck mit den Lockenwicklern zum Beispiel hatte ich mal mitgenommen und an einem Patienten getestet. Ich hoffe und muss mal sehen, ob ich die restlichen Produkte noch testen kann.

Wie ist das Buch aufgebaut?

Ich gehe in dem Buch davon aus, dass die Leser schon über Alzheimer Bescheid wissen. Ich erkläre auf den ersten Seiten den (alphabetischen) Aufbau des Buches und die Symbole, die ich in dem Buch verwende. Dann fängt es an mit „A wie Aufstehen“. Dort erkläre ich kurz, welche Probleme es beim Aufstehen gibt. Und weiter geht es mit den Lösungen. Manchmal sind es auch nur Tipps, so schreibe ich zum Beispiel „Seid geduldig und lasst die Erkrankten mitmachen“. Oder es sind praktische Anleitungen, wie zum Beispiel zum Bau der Aufstehhilfe.

Anschließend gibt es Hersteller-Hinweise, weil natürlich nicht alle bereits existierenden Produkte schlecht sind. Außerdem habe ich in verschiedenen Vorträgen und Gesprächen festgestellt, dass bislang eine zentrale Quelle fehlt, über die sich die Angehörigen über Produkte und Hersteller informieren können. Da die heutige Generation der pflegenden Angehörigen kaum das Internet nutzt, ist es für sie besonders schwierig. Nach den Hersteller-Informationen kommt eine Doppelseite für Notizen. Dann geht es theoretisch mit dem nächsten Buchstaben, B, weiter. Das gesamte Alphabet ist allerdings nicht gefüllt, das hätte die Masterarbeit gesprengt. Ich habe insgesamt 18 Produkte zu 15 Buchstaben entwickelt.

Wird man das Buch auch kaufen können?

Ich hoffe es sehr. Ich werde zur Frankfurter Buchmesse fahren und da ein wenig „Klinken putzen“. Das Buch muss definitiv auch noch einmal überarbeitet werden, weil das „A bis Z“ zwar mein Anspruch war, aber der war etwas hoch gegriffen. Es ist einfach schwierig, sich so auf dieses Alphabet zu versteifen. Denn welche Probleme haben Alzheimer-Patienten mit X und Y? Im Kolloquium zu meiner Masterarbeit habe ich das alphabetische Konzept ein bisschen in Frage gestellt und tendiere nun dazu, es als „die 15 Alltagsprobleme“ zu beschreiben. So habe ich bei A zum Beispiel zwei Probleme und bei X keins.

Du hast auch bereits einen Preis für Deine Arbeit erhalten?

Ja, das ist der Gender-Preis der Fachhochschule Potsdam. Dort gibt es verschiedene Kategorien, in denen es um soziale Themen und gesellschaftsspezifische Problematiken geht. Und da passt Alzheimer natürlich, als sehr aktuelles Thema, gut rein.

 

Hast Du bereits während des Studiums praktisch gearbeitet?

Während meines Bachelor-Studiums habe ich viel mit Porzellan gearbeitet – vor allem Geschirr, von der Idee bis zum fertigen Produkt. Neben dem Studium habe ich auch selbstständig Design-Aufträge erledigt oder auch im Praktikum in einer Industriedesign-Agentur in Düsseldorf gearbeitet.

Du hast in Krefeld Deinen Bachelor gemacht. Warum hast Du Dich dann für Potsdam entschieden?

Ich hatte mich in Potsdam eigentlich schon für den Bachelor beworben, bin dann aber doch zunächst in meiner Heimat geblieben. Es hat mir in Potsdam aber total gut gefallen. Zum Master wollte ich dann nicht an meiner alten FH bleiben, wollte etwas neues kennen lernen, neue Herausforderungen.

Und warum Potsdam und nicht Berlin?

Das war für mich sofort klar. Für mich hatte das Studium Priorität, weil eigentlich geplant war nach den eineinhalb Jahren langsam wieder Richtung Ruhrgebiet zurückzugehen. Da hatte ich natürlich keine Lust, immer von Berlin nach Potsdam zu pendeln. Ich finde, Potsdam ist einfach eine bezaubernde Stadt. Ich fühle mich hier wohl und ich würde jetzt gern hier bleiben…

Aber?

Es ist eher die Frage, wo die Jobs sind und was sich noch entwickelt. Es ist hier in der Region leider etwas schwierig. Die meisten Stellen, die meinen Schwerpunkt betreffen, sind eher in Süddeutschland. Aber ich würde gern hier bleiben!

Was hat Dir am Studium an der FH Potsdam besonders gut gefallen?

Die Ausbildung ist sehr gut. Auch den Bachelor in Potsdam zu machen, ist sehr sinnvoll, man lernt, wie es später im Berufsleben zugeht. Es gibt viele Zusammenarbeiten. Gefühlt findet fast jeder zweite Kurs in irgendeiner Kooperation mit einem Unternehmen statt. Man knüpft Kontakte und macht Exkursionen, lernt Herstellungsverfahren kennen. Da gibt es einen guten praktischen Bezug. Das ist wirklich ein großes Plus für die FH Potsdam.

Du hast erzählt, dass Du im Bachelor und auch während des Studiums viel im Porzellan-Bereich gemacht hast. Gibt das auch die Richtung vor, die Du jetzt nach dem Master einschlagen wirst?

Ich muss gestehen, ich bin gerade noch so ein wenig in der Sortierungsphase. Durch das Bachelor- und das Masterstudium habe ich festgestellt, dass ich auf jeden Fall diesen sozialen Aspekt brauche. Ich muss mit Menschen arbeiten. Ich kann nicht den ganzen Tag am Computer sitzen und 3-D-Modelle entwerfen. Ich würde mir auch wünschen, dass ich ein bisschen handwerklich arbeiten könnte – dreckig machen, schwitzen und am Abend das Gefühl haben, ich habe mich auch körperlich betätigt.

Ich kann mir sehr gut vorstellen, in Richtung Porzellan zu gehen. Da müsste ich mich aber vermutlich selbstständig machen, davor scheue ich mich noch ein bisschen. Ich arbeite gerade ab und an in einer Porzellanmanufaktur in Berlin. Das ist wirklich toll. Auf der anderen Seite hat mich das Alzheimer-Thema schon sehr fasziniert, gerne würde ich mich damit noch weiter befassen. Da gibt es jedoch bislang wenig Stellen für Produktdesigner. Die ganzen Institutionen, die sich mit dem Thema befassen, wissen einfach noch nicht, dass sie mich als Designerin brauchen! (lacht)

Weitere Informationen:
www.applaus-potsdam.de

Fotos: Anneke Goertz

  • Im Profil: Marc Johne und der BODONI-Vielseithof16. Dezember 2016 ·

    Im Profil: Marc Johne und der BODONI-Vielseithof

    „Bücher-Verlebendigen“ durch Typografie – das will die edition bodoni in Buskow (Ostprignitz-Ruppin). Jedes Werk ist dem Erbe des klassizistischen italienischen Typografen Giambattista Bodoni (1740-1813) verpflichtet, ...

    mehr
  • Im Profil: Steffi Holz mit HØJ - Fine Art Graphics11. November 2016 ·

    Im Profil: Steffi Holz mit HØJ - Fine Art Graphics

    Gedankliche Freiheit und die Lust am Experiment – dafür steht das Label HØJ, das Steffi Holz aus Brandenburg an der Havel jetzt ins Leben gerufen ...

    mehr
  • Im Profil: Prinz Apfel14. Oktober 2016 ·

    Im Profil: Prinz Apfel

    Sie üben Hochsprung, schwimmen, tauchen, schaukeln - und sind vor allem eins: bunt. Die Figuren von Prinz Apfel. Der Hofstaat - bestehend aus Jasmin Herz, ...

    mehr
  • Im Profil: CADS AND DOCS aus Cottbus6. Oktober 2016 ·

    Im Profil: CADS AND DOCS aus Cottbus

    Das Bauhaus des 21. Jahrhunderts zeichnen - nichts weniger als das wollen Andreas Brandt und Ingo Frank von CADS AND DOCS aus Cottbus. Über ihre ...

    mehr
  • Im Profil: Der Designer Sergio Duarte13. September 2016 ·

    Im Profil: Der Designer Sergio Duarte

    Die Brillen von Sergio Duarte sollen nicht nur gut aussehen, sondern auch die Umwelt nicht belasten. Deshalb sind sie komplett aus Holz, und mit jeder ...

    mehr