Kreatives Brandenburg

Im Profil: Die Autorin Ella Kopp

Im Profil: Die Autorin Ella Kopp

Was macht eine gute Geschichte aus? Wie erzeuge ich Spannung? Fragen, mit denen sich Christina Maria Schollerer als Dozentin für fiktionales Schreiben und Formatentwicklung an der Fachhochschule Potsdam immer wieder auseinandersetzt. Aber was passiert, wenn man das Ganze nicht mehr wissenschaftlich betrachtet, sondern selbst eine Geschichte schreibt und damit zur Autorin Ella Kopp wird? Kreatives Brandenburg hat sich mit Christina Maria Schollerer alias Ella Kopp getroffen und mit ihr über ihr erstes veröffentlichtes Kinderbuch und die Arbeit als Autorin gesprochen.

Interview: Bianca Loschinsky

Kannst Du Dich noch an das erste Buch erinnern, das Dir vorgelesen wurde?

An das allererste sicherlich nicht. Aber woran ich mich erinnern kann, ist „Der Maulwurf Grabowski“. Die „Raupe Nimmersatt“ hat mich sehr beeindruckt und eigentlich alles von Astrid Lindgren. Es gibt vor allem so kleine Stellen, die sich mir eingeprägt haben. Zum Beispiel gibt es bei „Na klar, Lotta kann Rad fahren“ dieses Bild von Ilon Wikland, auf dem Lotta unter den Kirschblüten schaukelt. Oder bei „Nein, ich will noch nicht ins Bett“ denke ich an die Illustration mit den Hochbetten, in denen die Eichhörnchen schlafen. Drei Betten übereinander, das fand ich so genial!

Sind es hauptsächlich die Zeichnungen, die Dir in Erinnerung geblieben sind?

Charaktere, Bilder und eine gewisse Stimmung, die von den Illustrationen und der Geschichte ausgingen. Und Emotionen, die dabei ausgelöst wurden. Es entstand immer so ein Gefühl von Wärme. Und ich hoffe, dass ich das auch bei meinen Büchern rüberbringen kann.



Buchcover: ellermann

 

Dein erstes Kinderbuch „Peggy Diggledey – Allerbeste Freunde“ wurde im Januar bei Ellermann veröffentlicht. Das Buch ist eine Auftragsarbeit. Wie kommt man an einen solchen Auftrag?

Das ist eine längere Geschichte. Ich habe viel im Transmedia-Bereich gemacht. Über einen Xing-Kontakt wurde ich von einer Lektorin der Oetinger-Verlagsgruppe gefragt, ob ich zu diesem Thema mit ihnen zusammenarbeiten möchte. Leider hat sich dazu nichts ergeben, aber ich habe über diesen Kontakt wiederum eine Anfrage erhalten, ob ich ein Kinderbuch schreiben möchte.

Wer hat sich Peggy Diggledey ausgedacht?

Ein Holzspielzeugfirmenbesitzer im Norden hatte sich den Charakter der Peggy Diggledey erträumt. Er hatte den Wunsch, eine ganze Welt um diese Figur herum zu erschaffen und eine Geschichte dazu zu erzählen. Mit dieser Idee ist er an die Verlagsgruppe Oetinger herangetreten. In der ersten Runde des Projekts gab es jetzt drei Autorinnen, von der ich eine war. Die Lektorin, die mich ganz am Anfang kontaktiert hat, war auch mit dabei. Zu dritt haben wir die gesamte Welt um Peggy Diggledey entwickelt und die Insel entworfen, auf der sie lebt.

Hast Du Dir die Geschichte ausgedacht oder kamen die Ideen dazu auch vom Spielzeugwarenhersteller?

Nein, die Geschichte wurde komplett von den Autorinnen und vom Verlag entwickelt. Wir hatten natürlich verschiedene Entwürfe, die dem Spielzeugwarenhersteller vorgestellt wurden.

Um was geht es in deiner Geschichte?

Es geht um Peggy Diggledey, die eine Ururur-Ahnin eines Piraten ist. Das glaubt sie zumindest. Sie wohnt mit ihren Eltern und ihrem Hund Klabauter auf einer Insel. Klabauter ist ihr allerbester Freund, der eines Tages verschwunden ist. Peggy Diggledey macht sich dann auf die Suche. Ob sie ihn wohl findet? Das verrate ich noch nicht. (lacht)

Kinderbücher zu schreiben, ist sicher nicht so einfach. Man muss sich in die Mädchen und Jungen hineinversetzen und versuchen, den richtigen Ton zu treffen. Hast Du vorher schon einmal für Kinder geschrieben?

Ich habe tatsächlich noch in meiner Schulzeit viel für Kinder geschrieben. Für die Kinder, die ich während meiner Babysitter-Jobs betreut habe. Aber davon ging nie etwas an einen Verlag. Außerdem habe ich heute immer noch eine riesige Faszination für die Astrid-Lindgren-Bücher und auch für „Pettersson und Findus“. Ich versuche, dieses Gefühl zu rekreieren, das dabei ausgelöst wird. Dadurch sind wahrscheinlich auch in meinen Büchern viele kleine Details versteckt, weil ich einfach ein Fan davon bin.

Die Bücher werden von drei verschiedenen Autorinnen verfasst. Wie bekommt man da einen einheitlichen Stil hin?

Darüber, wie einheitlich es sein muss, haben wir auch viel diskutiert. Wir haben uns entschieden, dass man merken darf, dass es von verschiedenen Autorinnen kommt und uns kein Pseudonym für die Reihe zugelegt. Das Komplexeste war, die Welt in den Büchern einheitlich zu gestalten. Das muss einfach in allen Geschichten stimmen. Wir haben uns oft getroffen und diese Welt gemeinsam entwickelt, ähnlich wie bei Fernsehserien. Denn: Wenn man in einer Geschichte schreibt, dass Peggy keinen Käse mag, muss man natürlich auch in den anderen Bänden dabeibleiben. Diese Zusammenarbeit war sehr spannend, vor allem, weil ich kollaboratives Arbeiten beim Geschichtenerzählen sehr schätze.

Du bist also nicht jemand, der sich monatelang verkriecht, um sein Buch zu schreiben?

Nein, das ist dann eher die Notwendigkeit, die folgt, weil man in einer Gruppe nicht die gesamten Bücher durchschreiben kann. Das Spannende für mich ist dieses gemeinsame Weltenbauen und die Entwicklung von Charakteren. Wenn man im Transmedia-Bereich arbeitet, schreibt man auch nicht mehr ganz allein in einer Hütte am See.

Sollen noch weitere Folgen entstehen?

Ja.

Also wirst Du auch noch weitere Peggy Diggledey-Geschichten schreiben?

Momentan nicht. Je nachdem, wie sich Peggy auf dem Markt beweist, geht es weiter.


 

In Potsdam hattest Du bereits Deine erste Lesung mit Peggy Diggledey. Wie war’s?

Wunderschön und wahnsinnig anstrengend gleichzeitig! (lacht) Ich hatte vollkommen unterschätzt, dass die Kinder die Bilder vielleicht genauso gut finden könnten wie ich. Was großartig ist, aber da gibt es eben sehr viele Details, die sich die Kinder ansehen wollten. Es war eine Live-Performance, die ich etwas anders eingeschätzt hatte. Und den Kindern geht es ja auch nicht um den perfekt vorgetragenen Text, sondern um den Moment.

Bei Peggy Diggledey soll es aber nicht bleiben. Du hast noch weitere Geschichten in petto.

Gerade arbeite ich an einer Young-Adult-Geschichte. Darin geht es um ein Mädchen, das nach dem Abitur als Au-pair nach Irland geht und dort mit dem Tod eines befreundeten Au-pairs umgehen muss und darüber lernt, für sich selbst und andere einzustehen. Es geht um Liebe, Freundschaft, Spannung und vor allem um die Erfahrungen und die Entwicklung des Mädchens. Und das alles in einem sehr sonderlichen Ferienpark an Irlands Küste, an dem die irische Elite Urlaub macht.

Ist die Geschichte fiktiv oder gibt es einen realen Hintergrund?

(lacht) Oh, jetzt muss ich vorsichtig sein. Die Geschichte ist komplett fiktional, auch die Charaktere darin. Aber das Setting beruht ein wenig auf dem Setting, das ich selbst als Au-pair in Irland kennengelernt habe.

Hast Du das Buch bereits einem Verlag vorgelegt?

Nein. Es ist gerade in der ersten Feedback-Runde. Glücklicherweise habe ich ja jetzt Kontakte zu Verlagen und Lektorinnen, die das aus Freundschaftsdiensten gegenlesen. Aber ich habe mich auch noch nicht entschieden, ob ich mich auf Verlagssuche begebe oder Self-Publishing anstrebe.

Warum?

Weil beides Vor- und Nachteile hat. Einen Vertrieb wie bei Oetinger könnte ich niemals selbst gewährleisten. Und auch die Zusammenarbeit mit den Mitarbeitern ist unheimlich wertvoll. Auf der anderen Seite merkt man, wenn man nicht gerade bei den Spitzentiteln angekommen ist, dass die Pressearbeit bei dem Autor selbst liegt. Und: Wenn man das Buch selbst veröffentlicht, hat man einfach mehr Entscheidungsmöglichkeiten, wo man mit der Geschichte hinwill. Und mit Ella Kopp kann ich noch eine Menge entwickeln, ohne dass ich meine Rechte abgebe.

Du bist nicht nur die Autorin Ella Kopp, sondern beschäftigst dich auch wissenschaftlich mit dem Thema Storytelling. An der FH Potsdam unterrichtest du fiktionales Schreiben und Formatentwicklung. Wann ist eine Geschichte gut?

Ganz platt gesagt: Wenn sie es schafft, in Erinnerung zu bleiben und Emotionen in mir zu rühren. Ein bisschen ausführlicher würde ich sagen: Eine Geschichte ist gut, wenn sie es schafft, mit irgendeinem Element meine Aufmerksamkeit zu erlangen, diese zu halten und am Ende zu belohnen.

Wie beeinflusst deine Lehre dein eigenes Schreiben?

Im Idealfall gar nicht! (lacht) Natürlich sehr, weil ich mich damit beschäftige, was eine Wirkung in einer bestimmten Geschichte erzeugt, und das auch abspeichere und wie einen Rucksack mit mir herumtrage. Das Wissen über das Schreiben setzt mich manchmal unter Druck, weil ich den Anspruch habe, das umzusetzen, was ich weiß. Aber das heißt nicht unbedingt, dass man dies immer schafft. Das eine ist Übung und Handwerk und das andere das Verständnis – und das ist nicht immer das Gleiche. Mit Ella Kopp habe ich jetzt eine Person kreiert, die einfach drauflos schreiben kann.

 

2013 hast Du gemeinsam mit Julian van Dieken, Prof. Winfried Gerling und Prof. Constanze Langer an der FH Potsdam den Onlinekurs „The Future of Storytelling“ alias StoryMOOC realisiert. 93.000 Studierende hatten sich eingeschrieben und damit alles übertroffen, was ihr erwartet hattet. Wie erklärst Du Dir das immense Interesse am Storytelling?

Geschichtenerzählen ist einfach ein universelles Thema – in allen Kulturen. Es gibt daran ein prinzipielles Interesse. Aber in den vergangenen Jahren haben viele andere Bereiche und Branchen - wie Marketing, Unternehmenskommunikation und auch Unternehmensführung - verstanden, dass Storytelling für sie ein Mittel sein kann, ihre Ideen zu kommunizieren. Damit haben wir den Puls der Zeit getroffen.

Außerdem hatten wir mit den 13 Gastdozent*innen Expert*innen, die aus ganz unterschiedlichen Gebieten kamen, sowohl Game-Entwickler als auch Schriftsteller wie Cornelia Funke an Bord, die ganz klassisch als Kinderbuchautorin über Storytelling erzählen konnte, aber eben auch über ihre Erfahrungen als App-Entwicklerin berichtete. Sie baut ihre Geschichtenwelten aus, weil Filme nicht zulassen, dass sich ihre Geschichten weiterentwickeln, sondern eher kleiner werden. Mit anderen Medien hat sie die Möglichkeit gefunden, ihre Geschichten auszubauen und anders zu inszenieren.

Von den Studierenden des StoryMOOC wurden zudem die Foren und die Vernetzungsmöglichkeiten stark genutzt. Denn: Wann hat man schon mal die Gelegenheit, zu erfahren, wie eine Vorabend-Serie in Nigeria aussieht?

Du bist aber nicht nur Dozentin und Autorin, sondern hast noch ein drittes Standbein als Producerin. Du produzierst Buchtrailer, Imagefilme und Kurzfilmprojekte.

Das Producing kommt ursprünglich daher, weil ich es spannend finde, die Sachen, die ich selbst entwickele, auch umzusetzen. Die Halbtagsstelle an der Fachhochschule Potsdam erlaubt mir, Aufträge anzunehmen, die einfach Spaß machen. Auf der anderen Seite habe ich das Gefühl, dass meine Arbeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin – sowohl die Forschung als auch die Lehre von Storytelling – wahnsinnig davon profitiert, dass ich die Erfahrung in der Praxis habe. Im Nachgang des MOOC habe ich mich stark auf die Lehre konzentriert – an der Hochschule, aber auch in freien Coachings. Ich merke aber, dass irgendetwas in mir anfängt zu rumoren, wenn der Abstand zu meinem letzten praktischen Projekt zu groß wird.

Strebst Du an, irgendwann nur vom Bücherschreiben leben zu können?

Es wäre schön, wenn ich irgendwann nur vom Bücherschreiben die Miete zahlen könnte, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass mir „nur“ das Bücherschreiben ausreichen würde. Dafür arbeite ich auch zu gern mit anderen zusammen oder feile mit ihnen an einer Geschichte.

Am 15. Juli um 16 Uhr liest Ella Kopp aus „Peggy Diggledey“ bei Kinderspiel + Buch in Berlin, Wiesbadener Straße 16.

Weitere Informationen:
www.ellakopp.de
www.crossmedienne.com

Fotos: Julian van Dieken

rss

Schon gelesen?

schließen
schließen