Kreatives Brandenburg

Im Profil: Die Band mueller-mueckenheimer aus Potsdam

Im Profil: Die Band mueller-mueckenheimer aus Potsdam

Der kleinste Raum ist nicht zu klein zum Proben. Nicht die Küche und auch nicht der Fahrstuhl vom Rechenzentrum Potsdam. Dann wird improvisiert. So wie es mueller-mueckenheimer auch gern bei ihren Auftritten tun. Das Improvisieren und Interagieren gehört für die Musiker Lilia Antico, Olaf Mücke, Thorsten Müller und Jens Saleh dazu. Das macht ihnen Spaß. Und das spürt auch ihr Publikum. Kreatives Brandenburg hat drei der Bandmitglieder dort getroffen, wo manchmal geprobt wird: in der Küche.

Interview: Bianca Loschinsky

 

Die Band mueller-mueckenheimer macht alternative Tanzmusik. Was ist das?

Olaf: Das haben wir uns nicht selbst ausgedacht. Die Fabrik Potsdam, in der wir oft spielen, hat das mal geschrieben. Und, wie es so in der Presse ist, haben das andere übernommen. Aber „alternative Tanzmusik“ fand ich tatsächlich sehr passend. Für mich sollte Musik zum Tanzen sein, sollte alle Sinne ansprechen, also auch den Körper. Für uns als Band war das immer ein wichtiger Aspekt. Aber wir sind eben nicht Mainstream, Discofox oder so was.

Zu Eurem Repertoire gehören Gypsy-Swing, Klezmer, Latin - ist das auch Eure persönliche Lieblingsmusik?

Lilia: Jeder bringt etwas anderes mit ein.

Olaf: Ich würde mich stilistisch gar nicht so festlegen, weil ich einen wirklich sehr ausgeprägten Musikgeschmack habe. Ich weiß ganz genau, was mir gefällt und was nicht. Das ist aber stilistisch nicht festzumachen. Es kann auch Barock sein, was ich ziemlich abgefahren finde. Aber gerade den Gypsy-Swing mag ich sehr.

Auf Eurer ersten CD, die ihr gerade produziert habt, ist Swing zu hören.

Olaf: Ausschließlich, weil wir es etwas eingrenzen wollten. Vielleicht kommt danach eine reine Klezmer- oder eine reine Latin-CD. Drei weitere Alben existieren schon in meinem Kopf. Wenn wir ein gewisses Budget hätten, könnten wir sofort ins Studio gehen. Wenn es eine Firma oder Mäzene gibt, die uns bei der Produktion finanziell unterstützen möchten, fänden wir das natürlich toll!

Neben Klassikern der Musikgeschichte spielt mueller-mueckenheimer aber auch eigene Kompositionen. Wer ist bei Euch der Komponist?

Lilia: Wir schreiben alle und in ganz unterschiedlichen Stilen.

Olaf: Wenn wir alte Hits in unser Repertoire aufnehmen, ist es wichtig, dass es eine eigene Nummer wird, dass es also mueller-mueckenheimer ist. Wir covern nicht eins zu eins. Das habe ich auch noch nie gemacht.

Thorsten: Das funktioniert auch nicht in der Instrumentierung.

Lilia: Es bekommt in dieser Besetzung auf jeden Fall immer etwas Besonderes. Das Mini-Schlagzeug, das ich spiele, ist auch nicht so gewöhnlich.

 


Auftritt beim Sehsüchte-Festival in Potsdam. Foto: Jonas Friedrich

Wie hat sich die Band gefunden?

Thorsten: Ich kenne Olaf schon sehr lange.

Olaf: Ja, wir haben uns bei einer Theaterproduktion kennengelernt. Wir waren die Musiker-Aushilfen. Dann haben wir auch außerhalb des Theaters mal zusammengespielt. Ich hatte damals ein Trio, und wenn es sich vom Budget ergeben hat, haben wir Thorsten gern dazu genommen. Bei Beerdigungen haben wir mal zu zweit oder zu dritt gespielt. Als ich mein Trio Kitchen Grooves aufgelöst habe, weil da die Luft raus war, habe ich überlegt, was ich jetzt mache. Also habe ich Thorsten und seine Freundin Lilia gefragt, weil ich wusste, dass sie Schlagzeug spielt.

Lilia: Eigentlich warst du auf das Vibraphon scharf, oder?

Olaf: Ja! Und weil Lilia auch singen kann, haben wir uns entschieden, es zu viert zu probieren. Das ist immer ein Schritt: Das Budget muss für vier Leute reichen. Es ist ja nicht so einfach, davon zu leben. Je kleiner die Band ist, desto besser kann man planen: Transport, Übernachtung, Probetermine.

Seit wann gibt es mueller-mueckenheimer?

Thorsten: Seit zwei Jahren.

Seid Ihr alle schon immer Musiker? Oder habt Ihr noch andere Berufe?

Lilia: Ich mache Musik, seit ich acht bin. Das war für mich ziemlich früh eine große Leidenschaft. Ich habe mit Klavier angefangen und konnte mich dann nicht entscheiden, welches Instrument ich wirklich spielen will. Irgendwann habe ich gedacht, ich müsste etwas „Richtiges“ machen und habe Romanistik studiert - aber nur ganz kurz. Ich habe sehr schnell wieder auf Musik umgeschwenkt und habe im Hauptfach Vibraphon am Jazzinstitut in Berlin studiert. Klavier ist allerdings immer noch das Instrument, bei dem ich mich am meisten zu Hause fühle und mit dem ich am besten komponieren kann. Schlagzeug wollte ich unbedingt gern machen und habe es mir lange selbst beigebracht. Das ist das Instrument, bei dem ich hängengeblieben bin. Und seit relativ kurzer Zeit ist auch der Gesang für mich wichtig geworden.

Thorsten: Ich habe in Berlin Musik und Philosophie studiert. Aber ich habe auch schon vorher und nebenbei Musik gemacht. Ich hatte nie vor, etwas anderes zu tun.

Hast Du auch schon als Kind begonnen, ein Instrument zu lernen?

Thorsten: Ich habe mit Gitarre angefangen und damals Nirvana-Songs gecovert. Was unglaublich gut ankam! Dann irgendwann war es das Saxophon. Mit 18 oder 19 kam die Klarinette. Das hat mich so angefixt, dass ich es ausbauen wollte.

Was ist für Dich das Besondere an dem Instrument?

Thorsten: Wenn man von Saxophon auf Klarinette wechselt, ist das ein himmelweiter Unterschied. Klanglich kommt die Klarinette der Stimme sehr nah. Man kann damit tieftraurig klingen, andererseits aber auch sehr fröhlich. Die Klarinette hat eine Zweiköpfigkeit, die mich sehr beeindruckt.

Olaf, hast du noch einen anderen Beruf?

Olaf: Nach der Schule habe ich erst einmal Werkzeugmacher gelernt. Das war noch zu Ostzeiten. Durch Zufall habe ich im Bus einen alten Freund getroffen, der mir erzählte, dass er in Berlin Gitarre studiert. Ich wusste gar nicht, dass das möglich war. Also habe ich mich an der Uni beworben. Zunächst wurde ich aus „Platzgründen“ abgelehnt. Ich vermute, weil ich nicht in der FDJ war. Ich konnte aber stattdessen einen Berufsausweis als Musiker machen. So wurde ich gleich Berufsmusiker und habe auch sofort eine Band gefunden, mit der ich aufgetreten bin und in der ich viel gelernt habe. Nach der Wende lief mit Musik erst einmal nichts mehr so richtig, weil nach der Währungsunion hier alles platt war. Also hatte ich einige „Tagelöhner“-Jobs: Ich habe renoviert, für einen Sanitärgroßhandel gearbeitet, Hundefutter verkauft, dann habe ich einen Taxischein für Berlin gemacht. Anfang der 1990er Jahre ging es mit der Musik langsam wieder los, so dass ich davon auch einigermaßen leben konnte.

Wie hieß Deine erste Band?

Olaf: Das war eine Kirchenband (lacht). Meine erste Profiband hieß „Ham’s Band“. Die kannte niemand. Das waren tolle Musiker aus Berlin, richtig alte Jazzer. Aber in den 80ern war mit Jazz nicht so viel zu machen. Ab Anfang der 90er Jahre war ich 14 Jahre lang beim Kindertheater Pampelmuse. Parallel dazu hatte ich immer eine Band.

 

Wenn man Euren Konzert-Kalender betrachtet, sieht es so aus, als sei mueller-mueckenheimer gut im Geschäft. Können alle Bandmitglieder davon leben?

Thorsten: Ein oder zwei Auftritte könnten noch kommen.

Olaf: Da ist noch Luft.

Lilia: Wir sind schon super dabei. Außerdem unterrichten wir noch ein bisschen. Aber manchmal müssen Musiker auch hin und wieder investieren. Wir haben zum Beispiel gerade eine CD aufgenommen.

Olaf: Und dann muss man sich entscheiden - Urlaub oder CD. Man kann schon von den Auftritten leben. Aber es gibt natürlich auch mal Durststrecken. Und manchmal ist man leichtsinnig, weil man einen Monat gut verdient hat und kauft ein teures Mikrofon. Das meiste fließt in die Musik - und in Essen. (alle lachen) Das kostet ja auch viel Kraft!

Olaf und Thorsten haben schon bei Beerdigungen gespielt. Macht Ihr das immer noch?

Olaf: Wenn man uns fragt: Ja. Leider ist das selten. Ich würde das gern viel mehr machen. Dabei merkt man, dass der Beruf wirklich notwendig ist. Bei einer Beerdigung ist es so würdelos, wenn Leute nur einen Kassettenrekorder hinstellen. Wir haben bei einigen Beerdigungen gespielt, bei denen ich merkte, dass es plötzlich ein „Event“ wurde. Die Leute waren sehr glücklich und dankbar.

Tretet Ihr vor allem in der Region auf?

Olaf: Mit meinem alten Trio war ich auch schon mal auf der Krim. Aber die meisten Auftritte haben wir hier in der Region. Abgesehen von unserem öffentlichen Konzertkalender haben wir viele Auftritte bei Firmen.

Im Juni fahrt Ihr mit dem Kulturzug nach Breslau. Was passiert da?

Thorsten: Kultur im Zug!

Olaf: Als Fahrgast kauft man sich ein Ticket für 19 Euro und fährt dahin. Das sind knappe fünf Stunden. Und im Zug gibt es dann Musik von uns. Wir haben schon bei der Eröffnung gespielt. Wir hatten uns sowieso vorgenommen, in Breslau zu spielen, weil es Kulturhauptstadt ist. Und zufällig wurden wir angefragt, ob wir im Kulturzug Musik machen wollen.

Thorsten: Das findet am 26. Juni statt. Und es gibt noch Karten!


Küchenkonzert.

Spielt Ihr noch in anderen Bands oder Orchestern?

Thorsten: Ich habe noch eine Band, die auch meine erste war. Das ist die Berliner Band „Der singende Tresen“. Zusammen mit mueller-mueckenheimer reicht das für mich völlig aus. Mehr ist gar nicht machbar, wenn man das ernsthaft betreiben will.

Lilia: Ich habe noch ein eigenes Projekt, aber mueller-mueckenheimer ist definitiv das Haupt-Projekt. Es ist gut, wenn man sich entscheidet. Wenn man überall mitspielt, ist man auch nicht bei der Sache. Dann ist es schwierig für die Band, sich zu entwickeln und zusammenzufinden.

Olaf: Ich mache fast nichts anderes als mueller-mueckenheimer. Ich hatte in den vergangenen Jahren noch ein Theaterstück im Schlosspark-Theater Berlin. Als Solist trete ich hin und wieder noch bei Ausstellungseröffnungen auf oder wenn eine Aushilfe benötigt wird. Leute, die einen „richtigen“ Job haben, arbeiten ja auch nicht in drei Firmen.

Vielen Musikern in Potsdam fehlt es nach wie vor an Proberäumen. Wo probt Ihr?

Thorsten: Wir haben bereits in diversen Küchen geprobt - zum Beispiel hier bei Olaf oder bei uns. Dann war ja mal die Idee, dass man im Rechenzentrum proben könnte. Das haben wir auch schon einmal probiert, aber das kann man leider nicht ausbauen.

Olaf: Es ist schon schwierig geworden, mit der gesamten Band zu proben. Bei mir zu Hause können wir es in Absprache mit der Praxis unter uns machen. Aber es wäre schon schön, einen Raum zu haben, in dem man drei Tage die Woche üben kann. So wie andere auch in ihr Büro gehen. Alle wollen Musik hören, aber es wird tatsächlich extrem stiefmütterlich behandelt. Nicht nur, wenn es um Möglichkeiten zum Proben geht, sondern auch bei Gagen, die manche zu hoch finden. Musiker müssen immer viel Idealismus haben.

Für was nutzt Du dann deinen Raum im Rechenzentrum?

Olaf: Um Rechnungen zu schreiben. (lacht) Allein kann ich dort üben. Vor allem am Nachmittag, wenn meine Familie nach Hause kommt. Abends und am Wochenende können wir auch mit Band dort proben. Von den anderen Kreativen stört sich niemand daran. Aber natürlich wäre es gut, einen schallisolierten Raum zu haben, den wir uns teilen können. Die Kollegen könnten dort unterrichten, so dass der Raum optimal ausgenutzt wird. Es wäre toll, wenn die Stadt oder das Land in diesem Bereich noch investieren würde. Mit dem Rechenzentrum kann man eine Grundlage schaffen, damit etwas Innovatives entstehen kann.

Wo kann man Euch demnächst live erleben?

Olaf: Am 11. Juni treten wir bei der Langen Nacht der Wissenschaften im im Geoforschungszentrum auf dem Telegrafenberg auf. Am 12. Juni sind wir Schlosspark Plaue.

Thorsten: Und dann am 26. Juni im Kulturzug nach Breslau. Am 9. September kann man uns im freiLand Potsdam hören und sehen. Da startet eine neue Kultur-Reihe, die Vaudeville-Nights. Das organisiere ich gemeinsam mit Sebastian Weise. Und mueller-mueckenheimer gibt dazu das Eröffnungskonzert.

Weitere Informationen:
www.mueller-mueckenheimer.de 

Fotos: mueller-mueckenheimer, Jonas Friedrich

 

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