Kreatives Brandenburg

Im Profil: Xenorama - Kollektiv für audiovisuelle Kunst

Im Profil: Xenorama - Kollektiv für audiovisuelle Kunst

Wie lassen sich Träume und Visionen in öffentliche Räume zaubern? Eine Frage, der Xenorama, ein Kollektiv für audiovisuelle Kunst aus Potsdam immer wieder nachgeht. Richard Leroy Oeckel, Tim Georg Heinze, Lorenz Potthast, Marcel Brückner und Moritz Janis Richartz suchen nach den richtigen Bildern, dem richtigen Licht und dem richtigen Sound für Fassaden und bewegte Objekte: für das Schloss in Karlsruhe, für das Ohm Krüger Haus und die Johann Gottfried von Herder-Statue in Weimar, für eine Wurzel oder für Stelzenläufer in aufblasbaren Kostümen. Kreatives Brandenburg hat mit Richard Leroy Oeckel und Lorenz Potthast über das Arbeiten im interdisziplinären Kollektiv, ihr Büro im Rechenzentrum und Wunschprojekte gesprochen.

Interview: Bianca Loschinsky

Richard und Lorenz, Xenorama ist ein Kollektiv für audiovisuelle Kunst. Ihr lebt über ganz Deutschland verstreut, in Köln, Bremen, Berlin und Potsdam. Wo kommt Ihr zusammen, um Eure Projekte für Xenorama zu erarbeiten?

Richard: Wir haben uns als Start-up-Unternehmen in Potsdam gegründet, weil wir hier zum Teil verwurzelt sind. Wir mussten zwischen Potsdam und Bremen wählen. Da haben wir uns einheitlich für Potsdam entschieden, auch wegen des Büros im Rechenzentrum, für das wir einen guten Preis zahlen und in dem wir umgeben von anderen Kreativen sind. Ich hatte davon in der Zeitung gelesen und bin noch am selben Tag zu Anja Engel, Kulturmanagerin des Rechenzentrums, gegangen. So haben wir tatsächlich einen der letzten drei freien Räume bekommen.

Lorenz: Wir haben auch schon davor zusammen gearbeitet, aber ohne festen Ort. Wir haben jedoch gemerkt, dass das eher problematisch ist.

Die anderen Xenorama-Mitglieder reisen dann immer nach Potsdam, wenn es in die „heiße Phase“ eines Projekts geht?

Lorenz: Ja, genau. Deshalb bin ich auch gerade hier, weil wir uns an dem Lichtkunstfestival Luminale beteiligen. Einmal in der Woche haben wir ein Skype-Treffen und arbeiten sehr viel online.

 

KINETIC STREAM | Interactive Installation from Xenorama on Vimeo.

Ihr arbeitet interdisziplinär, Xenorama setzt sich aus Kreativen ganz unterschiedlicher Branchen zusammen. Welche sind das?

Lorenz: Wir sind insgesamt fünf Leute, drei auf der visuellen Ebene, zwei auf der Sound-Ebene. Ich habe in Bremen an der Hochschule für Künste Integriertes Design studiert, was eigentlich schon ein interdisziplinärer Studiengang ist, mit dem Fokus auf Grafik-Design und Animation. Jetzt studiere ich Digitale Medien. Ein weiteres Kollektiv-Mitglied kommt auch aus Bremen und studiert dort ebenfalls Digitale Medien. Der Dritte hat in Düsseldorf Medientechnik studiert.

Richard: Ich habe in Berlin Jazzklavier studiert. Dann habe ich entschieden, dass ich noch etwas anderes machen möchte und studiere jetzt Physikalische Ingenieurwissenschaften. Das hat nicht so viel mit dem zu tun, was wir bei Xenorama machen, kann man aber bestimmt irgendwann auch anwenden. Ansonsten mache ich viel in Richtung Komposition. Tim ist ein Autodiktat, was diese ganzen elektronischen Geräte und Musik-Software anbelangt. Er ist ein „großer Guru“ im Bereich der Klangformung auf dem Computer. Außerdem spielt er Sitar.

Lorenz: Wir haben über die Zeit herausgefunden, dass wir uns gut ergänzen. Jeder hat sein Spezialgebiet, und damit können wir alles abdecken, was wir benötigen.

Seit wann gibt es Xenorama? Wie habt Ihr zusammengefunden?

Lorenz: Wir haben vorher schon in verschiedenen Konstellationen zusammengearbeitet. Zusammengefunden haben wir uns zu fünft für ein Projekt auf dem Projection Mapping Festival „Genius Loci“ in Weimar. Das war 2014. Danach haben wir beschlossen, dass wir uns gern in dieser Konstellation weiterentwickeln wollen.

Gab es den Namen schon vorher? Oder habt Ihr Euch den 2014 erst gegeben?

Richard: Der Veranstalter des Festivals in Weimar wollte gern wissen, wie wir heißen, damit sie mit der Werbung beginnen können. Also mussten wir uns einen Namen ausdenken.

Lorenz: Ich glaube, Marcel und Tim hatten den Namen vorher schon mal für ein Projekt benutzt.

Was heißt Xenorama?

Richard: Xenorama ist eine Verbindung aus der Silbe „Xeno“, was im Griechischen „fremd“ bedeutet und „rama“ ist die Endsilbe für „Blick“. Also bedeutet der Name die „Sicht ins Fremde“.

Ihr habt alle noch andere Jobs bzw. studiert. Wie viel Platz nimmt Xenorama in Eurem Berufsleben ein?

Richard: Wir machen Xenorama alle zurzeit nebenbei, aber es ist allen sehr wichtig und nimmt einen großen Stellenwert ein. Bestimmte Zeiten werden für Xenorama geblockt, wenn ein Projekt ansteht. Tim ist bislang der einzige, der eine regelmäßige Arbeit hat. Er ist Pfleger in einer Heilanstalt.Alle anderen sind Studenten.

ONEIRONAUT | Full from Xenorama on Vimeo.

Ihr arbeitet viel mit Fassaden, an die ihr Visionen projiziert. So zum Beispiel am Schloss in Karlsruhe im vergangenen Jahr. Wie entstehen die Ideen dazu?

Lorenz: Speziell bei Fassaden ist das Interessante, dass so ein Gebäude immer eine Geschichte hat. Zunächst beschäftigen wir uns mit dem Ort und mit der räumlichen Situation. Beim 300. Geburtstag der Stadt Karlsruhe war dies natürlich sehr offensichtlich. In Weimar bei der Moya Facade war es eine Gegenüberstellung von Ohm Krüger, einem früheren südafrikanischen Präsidenten und Johann Gottfried von Herder. Diese zwei sehr unterschiedlichen Personen mit ihren Denkansätzen haben wir versucht zu visualisieren. Das Ergebnis ist natürlich eher abstrakt. Daraus entspinnt sich im gegenseitigen Austausch eine grobe Idee, die zunehmend feiner wird und visuell oder in Sound übersetzt wird.

Was kommt zuerst - das Licht oder die Musik?

Richard: Manchmal ist zuerst das Licht da. Wenn zum Beispiel einer der Designer sagt, ich möchte unbedingt das umsetzen, was ich im Kopf habe, dann ist natürlich zuerst das Visuelle da. Bei unserem neuesten Projekt - einer Projektion auf eine hölzerne Wurzelskulptur - war die Musik zuerst fertig. Die Designer haben sich dann so genau wie möglich an die Musik gehalten, so dass sich der Fluss der Musik auch auf der Wurzel widerspiegelt.

Aber Ihr projiziert nicht nur auf unbewegliche Wände und Objekte. Bei einem Projekt sind es Menschen in aufblasbaren Kostümen, auf die die Projektionen gebannt werden, egal wie sie sich bewegen. Wie funktioniert das?

Lorenz: Das ist schon deutlicher komplizierter. Wir haben das Projekt mit einer Tiefenkamera realisiert, mit einem sogenannten Kinect-Sensor, der eigentlich für eine Spielekonsole entwickelt wurde. Die Kamera nimmt die Bewegungen der Performer live auf. Aus dem Tiefenbild kann man mit dem Programm errechnen, wo sich die Personen momentan befinden und an diese Stelle wird dann projiziert. Der Projektor muss mit der Kamera synchronisiert werden.

 

Wie lange benötigt Ihr für die Entwicklung eines Lichtprojekts?

Lorenz: Das ist sehr unterschiedlich. Am aufwendigsten war die Projektion in Karlsruhe. Die ersten Vorbesprechungen hatten wir ein Dreivierteljahr vorher. Ganz intensiv daran gearbeitet haben wir etwa drei Monate. Dafür benötigen wir eben auch einen gewissen Vorlauf.

Wie kommt Ihr an Eure Aufträge?

Richard: Ein Teil kommt durch Akquise zustande, in dem wir uns zum Beispiel für Festivals bewerben. So sind wir auch zu unserem ersten Auftrag gekommen. Ganz viel geht auch über Kontakte in die Szene. Wir haben ja alle unsere Netzwerke.

Lorenz: Manchmal sind es auch ganz unerwartete Sachen. Wir waren kürzlich an der TU Berlin bei einem Forschungsprojekt. Dabei geht es um Bürgerbeteiligung und Partizipation im öffentlichen Raum. Ein ähnliches Projekt haben wir bereits in Köln-Mühlheim realisiert. An die Zusammenarbeit mit der TU sind wir gekommen, weil ich mit einem der Mitarbeiter zusammen auf der Schule war.

Richard: Einige Projekte bekommen wir auch über Leute, die unsere Projektionen gesehen haben. So hat uns in Weimar der Veranstalter der Projektionen aus Karlsruhe angesprochen.

Könnt Ihr von Xenorama leben?

Richard: Das kommt auf den Lebensstandard an. (lacht) Noch nicht, aber wir sind auf dem Weg.

Lorenz: Momentan haben wir alle auch noch Nebenverdienste. Unsere anderen Aktivitäten versuchen wir zunehmend in Richtung Xenorama zu fokussieren.

Auf der Luminale in Frankfurt am Main habt Ihr jetzt Euer jüngstes Projekt gezeigt: RADIX | ORGANISM/APARATUS. Dabei dreht sich alles um eine Wurzel.

Lorenz: Das Grundkonzept ist die Gegensätzlichkeit der natürlichen Wurzel und der künstlichen 3D-Objekte. Über einen Zyklus von neun Minuten erwacht die Wurzel zum Leben. Zunächst auf natürliche Art und Weise. Und dann wird sie von diesen technischen Aspekten übernommen, so dass sie eine Verwandlung von der natürlichen Gestalt zu einem technischen Gebilde vollzieht.

Richard: Das große Thema ist unser Leben als Mensch und wie das von digitaler Technologie, die sich rasant entwickelt, beeinflusst wird. Die Frage ist dabei: Kann das Leben noch ohne Technologie bestehen, oder kann Technologie ohne das Leben bestehen? Das verarbeiten wir auf künstlerische Weise. Und am Ende wird in der Projektion dargestellt, dass die Wurzel nicht ohne ihre natürliche Basis bestehen kann. Sie wird zusammenfallen, und die Natur wird sich wieder erheben.

 

Würdet Ihr die Wurzel auch verkaufen?

Richard: Ja. Denkbar ist es zum Beispiel, sie in einem Hotelfoyer zu zeigen. Es muss auch nicht dieselbe Projektion sein.

Lorenz: Dahin wollen wir uns auch ein bisschen entwickeln. Die Fassadenprojektion ist unser Ursprung und unser Kerninteresse. Aber wir strecken auch unsere Fühler aus, wie wir Projektionen, Licht, Raum und Musik sonst verwenden können. Eigentlich geht es immer darum, die Wirklichkeit zu erweitern und mit unseren technischen Mitteln eine Illusion zu schaffen. Etwas Magisches und idealerweise so, dass sich die Leute nicht fragen, wie es funktioniert, sondern einfach nur fasziniert sind.

Konntet Ihr auf der Luminale neue Aufträge akquirieren?

Lorenz: Aufträge zu akquirieren, ist immer ein langwieriger Prozess. Wir haben aber sehr viele interessante Kontakte geknüpft und sind sehr gespannt darauf, was kommen wird. Auf der Hinfahrt konnten wir uns aber über die Zusage für einen Auftrag zur Eröffnungsfeier im Zuge der Festlichkeiten „250 Jahre Goldstadt Pforzheim“ freuen. Das wird eine riesige 270° Panoramaprojektion im Kongresszentrum der Stadt, die uns erneut vor interessante Herausforderungen stellen wird.

Werden wir demnächst ein Fassaden-Projekt von Xenorama in Potsdam erleben?

Richard: Wir haben etwas in Aussicht, aber leider ist das noch nicht spruchreif. Realisiert werden soll es Ende 2016 oder Anfang nächsten Jahres. Potsdam ist eine der besten Städte für unsere Kunst. Es gibt so viele unglaubliche Fassaden, Orte und Statuen. Außerdem gibt es viele Reibungen, also ideale Bedingungen für Kunst. Natürlich möchten wir auch gern etwas auf der Fassade des Rechenzentrums machen. So könnte man die Geschichte des Hauses aufgreifen. Oder Menschen könnten interaktiv auf das Mosaik Einfluss nehmen. Dafür werden wir versuchen, Fördermittel zu bekommen.

Habt Ihr so etwas wie ein Wunschprojekt?

Lorenz: Mein nächstes Wunschprojekt ist in gewisser Weise eine Fortsetzung der Wurzel. Das ist eine Projektion in einer Tropfsteinhöhle, was eigentlich eine ideale Umgebung für eine Projektion ist, weil man da kein Umgebungslicht hat. Außerdem wird es eine Raumerfahrung, die es so noch nicht gegeben hat.

Habt Ihr eine spezielle Höhle im Blick?

Richard: Meine Eltern kommen aus Thüringen. Deshalb kenne ich die Feengrotten in Saalfeld. Ich habe bereits einen Kontakt hergestellt. Aber natürlich steckt das Projekt noch in den Kinderschuhen.

Weitere Informationen:
http://xenorama.com

Fotos: Xenorama, Bianca Loschinsky

 

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