Kreatives Brandenburg

Im Profil: Jörn Krug vom Gründungsservice der Filmuniversität Babelsberg

Im Profil: Jörn Krug vom Gründungsservice der Filmuniversität Babelsberg

Wie komme ich in die Künstlersozialkasse? Was muss ich beachten, wenn ich mich selbstständig mache? Wie bringe ich meine Idee an den Markt? Fragen, mit denen sich Jörn Krug täglich beschäftigt. Er ist Projektleiter des Gründungsservice an der Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF. Gründungsinteressierte Hochschulangehörige und Alumni von Brandenburger Hochschulen werden hier kostenlos unterstützt – von der ersten Idee bis zur Übergangsphase in den Markt. Kreatives Brandenburg hat mit Jörn Krug gesprochen, der sich auch aus eigener Erfahrung mit der Selbstständigkeit auskennt.

Interview: Bianca Loschinsky

Herr Krug, seit Anfang dieses Jahres nennt sich das Gründungsangebot an der Filmuniversität Gründungsservice. Sie leiten das Projekt. Was sind die häufigsten Fragen, die Ihnen als zentraler Ansprechpartner für Unternehmertum gestellt werden?

Die meisten Studierenden kommen mit dem Wunsch, freiberuflich zu werden oder sind bereits freiberuflich und haben dazu Fragen, zum Beispiel zur Künstlersozialkasse, zum Übergang in die hauptberufliche Selbstständigkeit oder zum Selbstmarketing. Das ist unser Angebot für die breite Mehrheit. Und dann gibt es auch einige Projekte von Studierenden und Alumni, die darüber hinausgehen und in eine Unternehmensgründung münden sollen. Da stellen sich nochmal ganz andere Fragen, wie zum Beispiel ein Alleinstellungsmerkmal am Markt erreicht werden kann. Und ganz oft kommt auch die Frage, wie man geeignete Partner finden kann, wenn es um technische Innovationen geht. Zu mir kommen in der Regel die Kreativen, die oft auch technische Fähigkeiten haben. Aber wer etwas ganz Neues erreichen will, wie der Kameramann, der für seine Postproduktion eine neue 3D-Software entwickelt, muss Partner aus anderen Disziplinen finden. Oft sind es die IT-Entwickler, die noch gefunden werden müssen.

Wer nutzt Ihr Beratungsangebot?

Die meisten Studierenden an der Filmuni sind bereits geringfügig selbstständig als Freischaffende. Zu mir kommen sie in der Regel dann, wenn gegen Ende des Studiums oder danach der Wunsch besteht, jetzt wirklich von dieser Arbeit leben zu können oder wenn sie einen Schritt weitergehen und innovativer werden möchten. Auch Angehörige und Alumni anderer Brandenburger Hochschulen nehmen teil, denn der Gründungsservice steht auch ihnen offen – insbesondere bei Gründungen in der Kreativwirtschaft.

Wie viele Beratungen werden pro Tag oder pro Woche angeboten?

Wir haben in der Regel zwischen 60 und 80 Erstberatungen pro Jahr. Je nach Projekt kann das ein einmaliges Gespräch sein. Oft ist es aber auch so, dass man sich bis zu zehn Mal trifft, weil ein Förderantrag geschrieben wird, wofür erst einmal ein Businessplan erstellt werden muss. Das ist sehr viel Detailarbeit. Wenn es einer intensiven Auseinandersetzung bedarf, kann ich ein Coaching vermitteln. Es gehört zum Gründungsservice, dass neben meiner Beratung auch Workshops angeboten werden und individuelle Coachings.

 

Und diese müssen die Studierenden selbst bezahlen?

Im Hochschulbereich sind die Coachings zuzahlungsfrei.

Welche Hürden müssen die Absolventen bei ihrem Schritt in die Selbstständigkeit nehmen?

Es kommt ganz stark auf das Fach an. In den Fächern Dramaturgie oder Regie gibt es keine Alternative zur Selbstständigkeit. Die Projekte, die die Alumni umsetzen, haben eine enorm lange Vorbereitungszeit. Man weiß also lange überhaupt nicht, ob das, was man aus Eigeninitiative startet, jemals zu Erlösen führen wird. Da haben es andere Fächer etwas leichter, zum Beispiel Montage, all jene, die in der Produktion oder Postproduktion tätig sind. Diese Fachkräfte erhalten immer nur dann einen Auftrag, wenn das Projekt durchfinanziert ist. Dementsprechend kommen diese Absolventen schneller im Markt an.

Für Regisseure kann es durchaus drei bis fünf Jahre dauern, bis sie einigermaßen mit bezahlten Projekten ausgelastet sind. Oder es kann sich in dieser Zeit auch erweisen, dass sie einen anderen Weg einschlagen müssen und eben vielleicht nicht Spielfilmregisseur werden, sondern sich als Dienstleister etablieren. In dieser Phase überlegen wir hier auch zusammen, ob es eventuell nicht zunächst sinnvoller ist, einen Brotjob aufzubauen, der parallel zu riskanteren Projekten besteht, ohne dass der Plan, sich als Künstler zu verwirklichen, aufgegeben werden muss.

Gerade im Filmbereich gibt es vermutlich sowieso so gut wie keine Angestellten oder?

Es gibt zwei Fächer, in denen eine echte Chance besteht, angestellt zu werden. Das ist in den Bereichen Produktion und Medienwissenschaft. Alle anderen sind fast vollständig freischaffend. Insgesamt arbeiten über 70 Prozent der Alumni der letzten Jahre in Selbstständigkeit. Der Nachwuchs durchlebt den Trend zu neuen flexibilisierten Arbeitsformen viel stärker als der Durchschnitt der Kreativwirtschaft. Alle, die jetzt ihren Abschluss machen, müssen eigentlich davon ausgehen, dass sie mindestens auch als Selbstständige arbeiten werden. Was ich leisten möchte, ist nicht, jemand von der Selbstständigkeit zu überzeugen, denn der Druck ist ja schon da. Mein Angebot ist, den zu Beratenden aufzuzeigen, den eigenen Weg zu finden, sich abzuheben von ihrem Umfeld und sich nicht unter Wert zu verkaufen.


DramaQueen.

Haben die meisten Gründungswilligen nur eine vage Idee oder bereits ein konkretes Geschäftsmodell im Auge, wenn Sie zu Ihrer Beratung kommen?

Die Freiberufler haben meistens eine sehr konkrete Idee, die ist aber oft stark von dem Standard geprägt, den die Branche vorgibt. Was fehlt, ist ein eigenes Profil. Länger dauert es, ein unabhängiges eigenes Geschäftsmodell aufzubauen. Das ist, was ich versuche. Und da gibt es spannende Projekte, zum Beispiel im Bereich 360-Grad-Film.

Können Sie die Hilfe, die Sie den Studierenden und Alumni bieten, noch etwas genauer beschreiben?

Erst einmal möchte ich herausfinden, wo sich das Team gerade befindet und was es als Bedarf sieht. Oft ist es sinnvoll, die eigene Strategie aufzuschreiben. Das kann zum Beispiel mit einem Businessplan geschehen. Dabei helfe ich. Außerdem unterstütze ich, das Produkt weiterzuentwickeln. Es geht auch darum herauszufinden, welche Kunden man hat bzw. haben könnte. Ab einem gewissen Punkt stellt sich heraus, ob die Idee ein belastbares Vorhaben ist. Dann kann ich mit externen Coachs weiter unterstützen.

Das heißt, es lassen sich nicht nur einzelne Studierende von Ihnen beraten, sondern auch ganze Gruppen?

Ja, es kommen sowohl Einzelne, als auch Teams, die gemeinsam etwas bewegen wollen. Teams sind oft innovativer, weil sie nicht nur ihre Arbeitskraft anbieten, sondern eine Firma gründen und ein konkr-tes Produkt anbieten.

An wen vermitteln Sie weiter?

An externe Gründungsberater und Coaches. Das können auch Generalisten sein, zum Beispiel Steuerberater oder Unternehmensberater. Aber für mich ist besonders wichtig, dass es Menschen mit einer Expertise in der Kreativwirtschaft sind, die verstehen, wie der Markt funktioniert und die Erfahrung haben, wie man mit Kreativen sinnvoll arbeiten kann.


Luminoise.

Was beinhaltet ein solches Coaching?

Der wichtigste Unterschied zu meinen Beratungen ist, dass Coach und Coachee beim Coaching mehr Zeit haben. Es geht um einen Prozess. Die Coachs sollen sich ganz stark auf die individuellen Ziele eines Gründungsinteressierten oder eines Teams konzentrieren. Es werden keine Standardinformationen wiedergegeben, sondern die Gründung in ihrer Einzigartigkeit weiter unterstützt. Neu ist in der neuen Förderperiode, dass wir hier an den Hochschulen nicht nur die Erstberatung machen können, sondern auch langfristig mitbegleiten können. Dennoch brauchen wir die Hilfe von außen. Massenveranstaltungen sind keine Lösung. Wir haben hier zwölf kreative Fächer, die alle sehr unterschiedlich sind und damit ganz unterschiedliche Gründungen hervorbringen.

Sie bieten auch verschiedene Veranstaltungen an. Um welche Formate handelt es sich dabei?

Das sind einerseits Informationsveranstaltungen zu Grundlagen der Gründung, zum Beispiel über den Businessplan-Wettbewerb. Ganz wichtig sind zudem Intensiv-Workshops für kleine Gruppen, in denen Vorhaben weiterentwickelt werden können, zum Beispiel Ideenworkshops, an dessen Ende man zu einem neuen Produkt für eine ganz bestimmte Zielgruppe kommt. Ich gehe zum Teil auch in die Lehrveranstaltungen. So biete ich in dem Fach Szenografie gerade einen kleinen Exkurs zu dem Thema „Wie schreibe ich eine Rechnung?“, so dass man später auch eine Chance hat, in die Künstlersozialkasse aufgenommen zu werden.

Was bietet das Gründerstipendium?

Ein Jahr lang kann man in Ruhe ein Vorhaben entwickeln und erhält dazu auch Coachings und Sachmittel. Hier möchte ich auch wieder anknüpfen, damit wir als Kunsthochschule daran wieder teilhaben und die Innovationsförderung nicht allein den technologieorientierten Hochschulen überlassen.

Tauschen Sie sich auch mit den anderen Gründungsberatern an den brandenburgischen Universitäten und Hochschulen aus?

Wir vernetzen uns untereinander – insbesondere die Hochschul-Gründungsservices – um gemeinsam eine stärkere Lobby für die Gründungen in Brandenburg zu bilden. Inhaltlich gibt es zwischen dem Gründungsservice an der Filmuniversität und dem an der Fachhochschule Potsdam starke Überschneidungen. Wir setzen zusammen Veranstaltungen für die Kreativwirtschaft um und beraten teilweise gemeinsam.


Sehr gute Filme.

Was kann der Gründungsservice nicht leisten?

Wir sind eine Hochschule direkt am Stadtrand von Berlin und ca. 90 Prozent unserer Studierenden wohnen in der Hauptstadt. Als Freischaffende gründen diese in der Regel in den eigenen vier Wänden. Genau diese Gründer kann ich informieren, und sie können auch an den Veranstaltungen teilnehmen, aber coachen darf ich sie nicht. Das ist ein wichtiges Ausschlusskriterium. Es können nur Vorhaben unterstützt werden, die in Brandenburg gegründet werden. Ich setze auf Gründungen, die ganz bewusst Brandenburg als Standort wählen.

Die Herausforderung, die ich aber nicht lösen kann, ist, dass Brandenburg eine eigene Attraktivität für Gründungen braucht, die anders ist als die von Berlin. Damit gezielt die Gruppe von potenziellen Gründern, die in Brandenburg bleiben will, angesprochen wird.

Wie könnte diese Ansprache aussehen?

Potsdam setzt sehr stark auf das Image als Filmstadt, was richtig ist, aber es ist traditionell keine Stadt der Kreativen, sondern der Produktion. Das heißt, wir müssen mehr dafür sorgen, dass sich kleine spezialisierte Start-ups hier auch wirklich willkommen fühlen und diese differenzierter ansprechen. Wir brauchen zum Beispiel die Postproduktionsfirmen, die Partnerschaften mit den großen Playern eingehen. Unternehmen, Hochschulen und die diversen Wirtschaftsförderer müssten gemeinsam herausstellen, wo es einen starken Bedarf gibt, den Start-ups abdecken könnten. Wenn das gut läuft, dann würden andere Unternehmen nachziehen. Aus diesem Grund finde ich es auch wichtig, innovative Gründungen zu unterstützen, auch wenn das nicht die breite Masse der Universität ist, aber das sind die Gründungen, die später die klassischen Freiberufler mitbeschäftigen.

Sie haben gerade gesagt, dass 90 Prozent der Studierenden in Berlin leben und zur Filmuni in Babelsberg pendeln. Gibt es eine Erklärung für diese sehr hohe Pendlerzahl?

Das heißt einfach nur, dass unsere Bildungsangebote attraktiver sind. Nur leider ist der Wohnraum hier nicht so erschwinglich. Ein guter Schritt wäre, günstigere Wohnungen für Studierende anzubieten. Dann kämen die Gründungen schon fast von allein.

In welchen Bereichen bewegen sich die Gründungen? Gibt es Schnittmengen zu anderen Fachbereichen?

Gerade in den innovativen Vorhaben werden verschiedene Branchen zusammengebracht. „DramaQueen“ ist eine Gründung aus der Filmdramaturgie heraus, eine Drehbuchentwicklungssoftware. Durch die Zusammenarbeit von Film-ExpertInnen und IT-Entwicklern konnte dieses spannende Produkt erst entstehen. Dann haben wir viel im Bereich Immersion gearbeitet mit 180-Grad- und 360-Grad-Film. Hier unterstützt der Gründungsservice ein Projekt, das Inhalte für Virtual-Reality-Brillen schafft. Nicht zuletzt arbeitet im Projekt Luminoise ein Absolvent des Studiengangs „Sound“ gemeinsam mit einer Bildenden Künstlerin, die gemeinsam eine Foto-Sound-App entwickelt haben, mit der Fotostorys mit Originaltönen aufgenommen und geteilt werden können. Es gibt also viele Vorhaben, bei denen die klassische Filmexpertise in ein neues Feld übertragen wird.

Die Firma „Sehr gute Filme“ ist ein Zusammenschluss von drei Filmuni-Alumni und einem Schauspieler, die es mit einem äußerst geringen Budget geschafft haben, sich in der Branche bekannt zu machen. Ich glaube, dass die in Zukunft noch viel mehr von sich hören lassen werden.

Weitere Informationen:
>>> Filmuniversität Babelsberg Gründungsservice
Jörn Krug vom Gründungsservice der Filmuniversität Babelsberg „Konrad Wolf“ ist Montag bis Freitag erreichbar unter j.krug@filmuniversitaet.de, Tel. (0331) 6202 256.

Fotos: Bianca Loschinsky

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