Kreatives Brandenburg

Im Profil: Die Künstlerin Imke Rust

Im Profil: Die Künstlerin Imke Rust

Erst in Deutschland hat die Künstlerin Imke Rust gemerkt, wie afrikanisch, wie namibisch sie eigentlich ist. Seit einem halben Jahr lebt die 40-Jährige aus Windhoek, Nachfahrin einer deutschen Missionarsfamilie, in Neu-Friedrichsthal (Oberhavel). Hier setzt sich die weiße Afrikanerin, die in ihrer Heimat wichtige Kunstpreise gewonnen hat, in ihren Landart-Projekten nicht mit der Wüste, sondern mit dem Wald auseinander. Kreatives Brandenburg hat mit Imke Rust über ihre Arbeiten und das Leben zwischen zwei Welten gesprochen.

Interview: Bianca Loschinsky



Imke Rust arbeitet am "Rainmaker".

Sie kleben Wolkenbilder auf Felswände, stecken schwarze Rosen in die Wüste und beschreiben in der „Tokoloshe-Falle“ 39 Kreise mit Weißdornen. Mit Ihren Kunstprojekten wollen Sie vor der Umweltzerstörung warnen, die in Namibia durch Uran- und Phosphorabbau droht. Kann man mit Kunst wirklich etwas bewirken?

Ich hoffe es. Ich möchte gerne, dass meine Kunst mehr bewirkt, als einfach nur die Dekoration an der Wand zu sein. Meine ganze Kreativität und Suche ist darauf ausgerichtet, wie ich durch meine Kunst etwas verbessern kann. Ich interessiere mich sehr für alte Traditionen und Schamanismus und allgemein dafür, wie alte Völker mit der Natur umgegangen sind. Dabei bin ich auf den „Rainmaker“ oder den Regentanz gestoßen. Früher hat man sehr stark daran geglaubt, dass man durch den Tanz oder Felszeichnungen Regen generieren kann. Und das ist zu meinem Leitprinzip geworden: Den Weg über die Kunst zu finden, wieder einen „Regentanz“ zu machen, also Dinge konkret zu verbessern.

War das auch schon Ihr Ansatz, als Sie mit dem Kunst-Studium begonnen haben?

Ja, wobei mir das damals noch nicht so bewusst war. Ich hatte schon immer dieses Bedürfnis, die Welt zu verbessern. Früher habe ich Themen, die mich bewegten, einfach nur mit meinen Bildern angesprochen. Jedoch war ich mir darüber noch nicht so klar, dass ich mit der Kunst ganz direkt etwas bewirken könnte. Ich war irgendwann auch etwas frustriert, weil ich glaubte, dass diejenigen, die tatsächlich mit meinen Bildern konfrontiert werden müssten, sowieso nicht in die Galerie kämen. Deshalb habe ich angefangen, mir mehr über die spirituelle Seite Gedanken zu machen, die auch über das reine Sehen hinaus etwas bewirken kann.


Rainmaker.

Würden Sie sich selbst als politische Künstlerin bezeichnen?

Eigentlich gar nicht. Ich habe früher immer diesen Stempel bekommen, weil ich politische Themen ausgedrückt habe. Bei mir kommen diese Themen jedoch ganz stark aus meinem persönlichen Umfeld und was ich in meiner Umwelt sehe, was mich stört oder beschäftigt. Das ist dann eben auch ganz oft politisch.

Dadurch, dass Sie Ihre Kunst nicht mehr in dem engen Umfeld einer Galerie gezeigt haben, sondern zum Beispiel in der Wüste, wurden Ihre Werke viel öffentlicher. Wie hat die Politik in Namibia auf Ihre Kunst bzw. auf die in ihr immanente Kritik reagiert?

Von der Politik gab es darauf keine Reaktion. Allerdings habe ich auf die Arbeiten in der Wüste, die auf die Uranindustrie aufmerksam gemacht haben, Kritik von der Kunstvereinigung in Swakopmund erhalten, wo ich die Ausstellung gebucht hatte. Diese kritisierte, dass die Arbeiten zu politisch seien. Dadurch kam schließlich eine rege Diskussion in Gang, weil viele Menschen natürlich auf die Uranindustrie angewiesen sind. Gerade in Swakopmund ist es - direkt oder indirekt - fast die Hälfte der Familien.

Die Natur spielt in Ihrer Kunst immer eine große Rolle?

Sehr oft. Das liegt sicherlich daran, dass man dort, wo ich in Namibia aufgewachsen bin, eigentlich immer in der Natur ist. Und man ist auch sehr der Natur „ausgesetzt“. Ich bin auf einer Farm groß geworden, und wenn es nicht geregnet hat, dann sind die Rinder gestorben, und es gab kein Geld. Das ganze Leben wurde also vom Regen bzw. von der Trockenheit beeinflusst. Und als Kind habe ich den ganzen Tag draußen gespielt, bin auf Bäume geklettert, hatte also einen besonderen Zugang zur Natur.


SubRosa.

Jetzt pendeln Sie seit fünf Jahren zwischen Deutschland und Namibia. Seit wann leben Sie in Neu-Friedrichsthal im Landkreis Oberhavel, und wie kam es zum Umzug dorthin?

Ich lebe jetzt seit knapp einem halben Jahr in Neu-Friedrichsthal. Ich habe meinen Mann – er kommt aus Berlin - vor sechs Jahren kennengelernt. Dadurch bin ich zwischen den beiden Ländern gependelt, wenn möglich von Sommer zu Sommer. In Berlin habe ich mit meinem Mann in einem Hochhaus gelebt, da haben mir einfach die Natur und der Garten gefehlt. Ich wollte wieder direkt aus der Tür in den Garten treten. Und so kamen wir nach Neu-Friedrichsthal.

Wie oft sind Sie jetzt noch in Namibia?

Ich versuche jedes Jahr zwei bis drei Monate in Namibia zu sein. Inzwischen war ich schon seit über einem Jahr nicht mehr dort, weil ich durch das Pendeln in Deutschland ganz schwer Wurzeln schlagen konnte. Ich möchte nun längere Zeit hier bleiben und es zulassen, dass Brandenburg mehr meine Heimat werden kann. Bereits durch den Umzug habe ich das Gefühl, etwas mehr angekommen zu sein. Durch meinen Garten und die Nähe zum Wald lerne ich die Natur besser kennen. Das gibt mir ein Gefühl von Zuhause und Verbundenheit.

Hat sich Ihre Kunst seit Ihrem Umzug nach Deutschland verändert?

Ja! In Namibia ist man der große Fisch im kleinen Fischteich. Es gibt dort nur eine kleine Gesellschaft mit zwei Millionen Einwohnern und dann eben auch weniger Kunstinteressierte. Dadurch habe ich immer darauf geachtet, keinen zu verärgern. Man hat gelernt, dass man in der kleinen Gesellschaft mit allen gut auskommen muss. Da drückt man sich nicht so frei aus, wie ich es hier machen kann. Es ist jetzt befreiend, mehr auf mich hören zu können und das auszudrücken, was in mir ist, ohne die ganze Zeit diese Schere im Kopf zu haben.


Shoot Me If You Can.

In Namibia wurden Sie durch die Wüste geprägt, in Brandenburg sind viele Wälder, Seen, einfach mehr Grün. Verändert sich auch durch die veränderte Landschaft Ihre Kunst?

Auf jeden Fall. Ich gehe gern auf das ein, was ich um mich herum habe. Da ist auch eine meiner Stärken, dass ich mit dem, was ich vorfinde, gut arbeiten kann. Aber natürlich: Der Wald ist das Gegenteil von der Wüste. Und zwar in vielerlei Hinsicht. Ich hatte eine Landart-Arbeit im Wald erstellt und war erstmal frustriert, weil man das Werk nicht so gut fotografieren konnte. Überall standen Bäume. Ich muss mich auf die brandenburgische Landschaft einlassen, aber es macht auch wahnsinnig Spaß, das Neue, das Andere zu entdecken.

Gibt es etwas, das Sie vermissen?

Die Sonne, die Wärme und meine Familie. In Namibia gibt es jeden Tag Sonnenschein. Nachdem ich den ganzen Winter in Deutschland verbracht habe, habe ich gemerkt, wie sehr mir die Sonne fehlt. Und wenn dann an dem einen Tag die Sonne scheint, muss man diesen auch gleich nutzen. Das ist in Namibia natürlich ganz anders. Da kann ich etwas für das nächste Wochenende planen, die Sonne wird bestimmt scheinen.

Sie stammen von einer deutschen Familie ab, die nach Namibia ausgewandert ist. Wann ist Ihre Familie nach Afrika gegangen?

Meine ersten Vorfahren sind 1874 ausgewandert. Ich bin in der fünften Generation in Namibia, und finde es spannend, mein „Auswandern“ nach Deutschland mit dem meiner Vorfahren zu vergleichen. Ich frage mich, ob sie Ähnliches empfunden haben wie ich jetzt.

Wegen Ihrer weißen Hautfarbe und Ihrer perfekten Deutschkenntnisse würde man Sie in Deutschland zunächst nicht als Afrikanerin wahrnehmen. Wie fühlen Sie sich in Deutschland?

Man wird sich hier der Unterschiede bewusst. In Namibia fällt man wegen der weißen Hautfarbe auf und steht als deutschstämmiger Namibier heraus. Ich bin zum Beispiel sehr pünktlich, das wird dort als typisch deutsch gewertet. Seit ich in Deutschland bin, merke ich, dass ich einige deutsche Eigenschaften habe und auch deutsch aussehe, aber mir wird jetzt auch mehr bewusst, wie stark ich namibisch geprägt bin. Für mich ist es eine absolute Bereicherung, dass ich beide Welten verstehe und ich auch in beide Welten gehöre. Ich verstehe mich da auch ein wenig als Brückenbauer zwischen diesen Welten.


Leaf Works.

Was ist das Namibische an Ihnen?

Eine gewisse offene Freundlichkeit und Relaxtheit. Gerade in der Bahn in Berlin schauen viele Menschen griesgrämig. In Namibia grüßt man sich, man lächelt sich an. In vielen einheimischen Stämmen sagt man auch nicht nur „Guten Tag“, sondern man fragt, wie es dem anderen geht, egal, ob man die Person kennt oder nicht. Im Extremfall fragt man den anderen fünf Minuten lang, wie es geht, wie es der Mutter geht, den Rindern, ob man gut geschlafen hat…

Sie haben als Kuratorin der National Art Gallery of Namibia gearbeitet. Dadurch haben Sie auch Kenntnisse der Business- und Management-Seite der Kunstwelt erworben. Haben sich dadurch für Sie auch neue wirtschaftliche Möglichkeiten als Künstlerin erschlossen?

Es ist nach wie vor nicht einfach, als Künstlerin zu leben. Durch meine Arbeit als Kuratorin kenne ich jedoch auch die andere Seite, die Business-Seite der Kunst. Ich verstehe besser, wie Galerien funktionieren und was hinter den Kulissen spielt. Dieses Wissen und Verständnis kann ich wiederum für mich nutzen. Ich kann besser darauf achten, wie ich mich bei Galerien bewerbe und mit ihnen arbeite. Ich achte darauf, professionell zu sein. Ich habe zum Beispiel gelernt, selbst Pressemitteilungen zu schreiben und wie ich mich besser vermarkten kann. In Namibia gibt es keine etablierten Strukturen wie hier in Deutschland. Außer der National Art Gallery gibt es noch drei, vier andere sehr kleine Galerien. Es gibt keine Künstlerförderung durch Galerien.

Dadurch, dass ich gut managen kann, habe ich mir außerdem noch weitere Seiten von Kunst erarbeitet. 2006 kam ich zum ersten Mal mit einem DAAD-Stipendium nach Berlin. Nachdem ich jemanden aus der Berliner Politik kennengelernt hatte, haben wir gemeinsam einen Künstleraustausch zwischen Berlin und Windhoek organisiert. Das Projekt ging über fünf Jahre mit mehr als 50 einzelnen Projekten - von Theater, Musik, Film bis zu Bildender Kunst und Literatur. Durch solche kuratorischen Tätigkeiten entstehen auch immer mal wieder alternative Verdienstmöglichkeiten.


Zum Wald werden.

Sie bieten auch Workshops an. Ist das für Sie ein weiteres wirtschaftliches Standbein?

Momentan fällt es mir in Deutschland noch schwer, so richtig Fuß zu fassen und mit meiner Kunst Geld zu verdienen. Ich verkaufe zurzeit mehr Bilder in Namibia als hier, weil ich hier noch nicht so bekannt bin und nicht so viele Kontakte habe. Ich mache gerne meine Kunst, aber ich habe auch immer das Bedürfnis, mein Wissen und Können zu teilen. Mit den Workshops möchte ich einerseits natürlich wieder eine weitere Einkommensquelle aufbauen, aber auch Menschen kennenlernen und Kontakte aufbauen.

In Namibia haben Sie an einem Landart-Projekt mit acht afrikanischen Künstlern im größten National Park des Landes gearbeitet. Haben Sie solche Kooperationen auch in Brandenburg vor?

Das strebe ich an. Ich bin gerade dabei, überall meine Fühler auszustrecken. Auch muss ich mich noch mehr mit den Möglichkeiten und Bestimmungen hier vertraut zu machen. Im Gegensatz zu Namibia gibt es hier viel mehr Regeln, auf die man Rücksicht nehmen muss.

 

Können wir demnächst eine Ausstellung von Ihnen in der Region sehen?

Im Moment habe ich leider noch keine Gelegenheit, hier meine Werke auszustellen. Jetzt wo ich den Umzug und das Einleben sowie auch den Winter überstanden habe, kann ich mich wieder auf Erkundungen und Bewerbungen konzentrieren. Aber wer einen Einblick in meine Kunst bekommen möchte: Am 30. Mai wird in der Berliner Brotfabrik der Film „An Infinite Scream“ über mein Landart-Projekt in Namibia gezeigt. Ein 45-minütiger Dokumentarfilm, der den Verlauf des Projekts beschreibt und sich auch mit der Reaktion der Namibier beschäftigt.

Weitere Informationen:
Imke Rust auf Kreatives Brandenburg
Homepage Imke Rust

Fotos: Imnke Rust

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