Kreatives Brandenburg

Im Profil: Andrea Schneider von der Buchhandlung Viktoriagarten in Potsdam

Im Profil: Andrea Schneider von der Buchhandlung Viktoriagarten in Potsdam

„Bücher statt Wurst“ ist der Slogan der Buchhandlung „Viktoriagarten“ in Potsdam. Wo früher Schnitzel und Hackfleisch über die Theke gereicht wurden, verkaufen Andrea Schneider und Stefanie Müller jetzt Romane, Sach- und Kinderbücher. Ihre Buchhandlung, zu der auch ein Café mit selbst gebackenem Kuchen gehört, hat sich inzwischen zum kulturellen Treffpunkt in Potsdam-West gemausert. Kreatives Brandenburg hat sich mit Andrea Schneider im Café des „Viktoriagarten“ getroffen und über die Leidenschaft für Literatur, E-Reader und E-Books, Lesungen und Lieblingsbücher gesprochen.

Interview: Bianca Loschinsky

Hallo Frau Schneider, passend zum Welttag des Buches treffen wir uns heute in Ihrer Buchhandlung „Viktoriagarten“. Welches Buch lesen Sie denn gerade?

Ich lese gerade „Wie der Soldat das Grammofon repariert“ von Saša Stanišić, der mit „Vor dem Fest“ gerade den Leipziger Buchpreis bekommen hat.

Und das können Sie auch zum Welttag des Buches empfehlen?

Ja, auf jeden Fall. „Vor dem Fest“ spielt in der Uckermark und hat einen ganz eigenen Ton, eine ganz eigene Sprache hat und ist sehr märchenhaft-verträumt. Es ist ein Reigen aus Stimmen, aus der Vergangenheit und der Gegenwart.

 

Haben Sie vielleicht noch einen Tipp für ein Kinderbuch?

Ich würde „Die Wahrheit wie Delly sie sieht“ empfehlen. Das ist ein Herzensbuch. Wahrscheinlich ist es mein Lieblingskinderbuch in diesem Jahr. In dem Buch finden sich zwei Außenseiter, die sich brauchen und sich gegenseitig helfen.

Wie viele Bücher lesen Sie pro Woche, pro Monat?

(Lacht.) Naja, wenn es Kinder- oder Jugendbücher sind, geht es ja schnell, dann können es auch mal zwei in der Woche sein. Aber so im Schnitt ein Buch in drei Wochen. So viel ist es dann auch wieder nicht. Es gibt so Phasen, in denen man gar nicht lesen will. Dann gibt es mal einen Monat, in dem ich sehr wenig oder sehr langsam lese. Aber ich lese eigentlich jeden Tag.

Wie ist denn Ihre Leidenschaft für Literatur entstanden? Waren Sie schon immer eine Leseratte?

Ja, schon als Kind. Ich war regelmäßiger Besucher in der Bibliothek. Ich bin am Schlaatz groß geworden in einem der Neubauviertel, und da gab es eine kleine Bibliothek, in der ich sehr oft Gast war. Ich denke, es war auch ein bisschen eine Flucht aus der Realität. Ich habe vier Geschwister und da Ruhe und Orte zu finden, die einem nur selbst gehören, ist schwer. Ich hatte ja kein eigenes Zimmer.

Ich habe auch sehr gern geschrieben. Gleich in der ersten Klasse habe ich eine Geschichte, ein Märchen geschrieben. Vielleicht ist es also auch genetisch. (Lacht)

Später hatte ich dann einen ganz tollen Deutschlehrer in der Oberstufe, der extrem wichtig für meinen Umgang mit Literatur war.

 

Sie haben Ende 2011 Ihre Buchhandlung in Potsdam eröffnet, obwohl viele Leser inzwischen ihre Bücher im Internet bestellen oder auch E-Books lesen. Wieso haben Sie dennoch diesen Schritt gewagt?

Ich glaube, wir haben ein großes Vertrauen in die Leser, die noch das gedruckte Buch in der Hand haben müssen. Ich hatte bei meiner vorhergehenden Arbeit in einer Buchhandlung in Kleinmachnow nicht den Eindruck, dass Lesen nicht mehr aktuell ist, deshalb habe ich mir da auch nicht solche Gedanken gemacht. Außerdem kannten wir den Kiez gut. Hier gibt es viele Leute, die sich unglaublich engagieren und sich sehr stark mit dem Kiez identifizieren. Sie unterstützen alles, was ihnen hilft, hier auch weiter wohnen zu können und sich lebendig zu fühlen.

Der Viktoriagarten hat hier gefehlt?

Ja, das hat hier wirklich gefehlt. Es war, als hätte man einen Pfropfen von der Flasche genommen. Es ist uns um die Ohren explodiert (lacht).

Haben Sie beide eine Buchhändler-Ausbildung absolviert?

Nein, nur ich. Aber Stefanie hat als Nebenjob während ihres Studiums in der Buchhandlung von Carsten Wist gearbeitet.

 

Obwohl der aggressivste Konkurrent zu Buchhandlungen – amazon – stetig wächst bleibt die Zahl der Buchhandlungen inzwischen nahezu konstant. Liegt es eventuell auch daran, dass viele Buchhändler sich selbst ausbeuten?

Das würde ich von uns jetzt nicht behaupten. Stefanie und ich haben beide ein sehr gesundes Verhältnis zum Thema Arbeit. Wenn ich hier die Tür abschließe, dann schließe ich sie auch ab. In der Urlaubszeit arbeiten wir natürlich immer mehr. Aber wenn wir beide und unsere Aushilfen da sind, ist es extrem entspannt.

Sie haben den Schritt in die Selbstständigkeit also noch nicht bereut?

Nein, gar nicht! Wir legen beide viel Wert auf Freizeit und Urlaub. Und wir gönnen uns das auch. Würde es nicht so gut laufen, ginge das natürlich nicht. Dann müssten wir hier beide zehn Stunden am Tag stehen, weil wir die Aushilfen nicht bezahlen könnten. Wir müssen es bisher nicht bereuen. Toi, toi, toi!

Was sollte man unbedingt beachten, bevor man heute eine Buchhandlung eröffnet?

Man sollte sich kennen. Man muss es wirklich wollen, und es sollte eine Leidenschaft dahinter stecken. Wir hatten vorher ein Coaching. Stefanie und ich sind beide ganz verschieden: Ich bin ein bisschen chaotisch und der kreative-intuitive Typ, und Stefanie ist sachlich und strukturiert. Das passt einfach fantastisch.

Wenn man eine Buchhandlung eröffnet, muss man gut mit Menschen umgehen und auf diese eingehen können. Man muss es wirklich wollen, dass man zehn Stunden Ansprechpartner ist. Irgendwann hat man tatsächlich auch Fans, die immer wieder kommen und von einem Buch schwärmen, das man ihnen empfohlen hat.

 

Wer sind Ihre Kunden?

Wir haben ein sehr junges und aufgeschlossenes Publikum, sehr viele Familien. Das liegt natürlich auch an der Struktur des Kiezes. Wir sagen immer: gehobenes Bildungsbürgertum in der Kombination mit Studenten. Unsere Leser sind auch neugierig und lassen sich gern von uns Bücher empfehlen.

Welche Bücher werden am meisten verlangt? Gibt es zurzeit einen absoluten Bestseller?

Roger Willemsens „Das hohe Haus“ wird zurzeit viel gekauft. Das habe ich allerdings selbst noch nicht gelesen.

Wie locken Sie die potenziellen Internetkäufer in den Viktoriagarten? Wie bekommen Sie sie weg von amazon und hin zu Ihnen?

Wir machen da, glaube ich, gar nichts. Wir kommunizieren natürlich immer wieder, dass die Bedingungen die gleichen sind: Die Bestellung geht genauso schnell, und man muss nicht zu Hause sein. Die Kunden haben mit dem „Viktoriagarten“ einen Punkt, wo sie die Bücher abholen können. Wenn wir die Bücher bis 16.30 Uhr bestellen, sind sie am nächsten Tag um neun Uhr, wenn wir aufmachen, auch hier.
Und dann machen wir natürlich noch Veranstaltungen. Damit holen wir die Kunden sicherlich auch in den Viktoriagarten.

Sie verkaufen zusätzlich zu den Büchern auch Kaffee, Kuchen, Eis und Suppen. Verkaufen Sie mehr Bücher oder mehr Kaffee?

Mehr Bücher!

 

Kommt es öfter vor, dass die Kunden sich einen Kaffee kaufen und dann auch noch ein Buch mitnehmen?

Normalerweise kombinieren unsere Kunden das. Die trinken ihren Kaffee und nehmen sich dann einen Stapel Bücher mit an den Tisch, das dürfen sie auch. Manche Kunden kommen aber auch nur zum Kaffeetrinken.

Kaufen die Kunden dadurch auch mehr, weil sie sich vielleicht mehr Zeit nehmen zum Stöbern?

Die Atmosphäre lädt zumindest dazu ein. Gerade im Weihnachtsgeschäft fällt es auf, dass Leute hier richtig durchatmen, ihre Jacken aufhängen und dann langsam durch den Laden schlendern.

Noch lesen laut einer Bitkom-Studie fast zwei Drittel aller Leser ihre Bücher noch in der Printversion. Doch die Zahl der E-Book-Leser steigt. Was bedeutet das für die Buchhandlungen?

Ab und zu fragt mal jemand nach E-Books. Ich bin dann immer total überfordert, muss ich gestehen, weil ich überhaupt kein Technikmensch bin. Diese Entwicklung wirkt noch so fern. Allerdings habe ich Angst, dass die Schulen irgendwann nur noch mit E-Books arbeiten und die Kinder gedruckte Bücher nicht mehr kennen. Es gibt ja auch das Gegenargument, dass nichts über das Ansehen eines Bilderbuchs geht. Darauf hoffe ich.

Aber natürlich: Je mehr E-Books im Alltag genutzt werden, desto eher wird sich das Gefühl zum Buch verändern. Wir machen nicht die Augen vor dieser Entwicklung zu, aber wir haben auch keine große Angst.

Haben Sie sich auf bestimmte Literatur spezialisiert? Gibt es einen thematischen Schwerpunkt?

Wir haben vor allem Belletristik, Geschichte, Biografien, Reiseberichte, Kochen und Kinderbuch. Kinderbücher sind mein Gebiet, mit dem Bereich habe ich mich lange beschäftigt. Und natürlich weiß ich auch, wie das Viertel strukturiert ist. Das muss also sein.

 

Im „Viktoriagarten“ wurde früher Wurst statt Bücher verkauft. Greifen Sie das Fleischerei-Thema in Ihrer Buchhandlung auf?

Wir machen uns manchmal den Spaß und kaufen Kochbücher ein, wo ganz groß Wurst drauf steht. Ansonsten ist auf unserem Flyer eine kleine Wurst drauf, und unser Slogan heißt ja auch „Bücher statt Wurst“. Viele Kunden sagen wohl auch, dass sie zu „Bücher statt Wurst“ gehen statt zum „Viktoriagarten“.

Wie kamen Sie eigentlich auf den Namen „Viktoriagarten“?

Wir haben vor der Öffnung überlegt, ob wir einen sprechenden Namen nehmen sollen, der etwas mit Büchern zu tun hat oder einen ganz abwegigen Namen, der erst einmal überhaupt nicht zeigt, was wir machen. Bei der geschichtlichen Recherche haben wir herausgefunden, dass es hier in der Nähe ein Ausflugslokal mit dem Namen „Viktoriagarten“ gab. Und deshalb heißen wir jetzt so.

Sie haben sich von Anfang an gewünscht, dass der „Viktoriagarten“ mehr als eine Buchhandlung ist. Es sollte ein Treffpunkt oder ein kulturelles Zentrum im Kiez von Potsdam-West werden. Wie setzen Sie das um?

Den Treffpunkt-Charakter bekommt es von selbst, auch durch das Café. Und dann bieten wir verschiedene Veranstaltungen an. Wir haben regelmäßig Lesungen. Das gehört auch zur Image-Bildung dazu. Wir entwickeln damit einen Ruf und bleiben im Gespräch. Die Kunden fragen uns auch, wann es die nächste Lesung gibt.

 

Wonach wählen Sie die Autoren aus?

Ein bisschen nach eigenem Geschmack (lacht). Wir haben eine Reihe mit jungen Autoren. Das passt gut zu uns. Stefanie sucht in der Belletristik gern auch etwas abseitige Literatur aus. Und ab und zu machen wir etwas mit Musik. Manchmal kommen auch Autoren auf uns zu und fragen, ob sie hier lesen können. So entwickelt sich eine bunte Mischung.

Welche Lesungen sind demnächst geplant?

Stefanie freut sich total auf Jasmin Ramadan, weil sie ein Fan von dem Film „Soul Kitchen“ ist, dazu hat die Autorin das Buch geschrieben. Und ich freue mich auf Sven Amtsberg, weil ich ihn schon einmal als Moderator auf der Leipziger Buchmesse gesehen habe für die Klett-Clotta-Party. Das ist so ein Rockabilly, der ist lustig.

Wann findet die nächste Lesung statt?

Am 8. Mai mit Jasmin Ramadan – Kapitalismus und Hautkrankheiten.

Weitere Informationen:
www.viktoriagarten-potsdam.de
www.facebook.com/viktoriagarten.potsdam

Fotos: Anne Heinlein, Bianca Loschinsky

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