16. Dezember 2016

Im Profil: Marc Johne und der BODONI-Vielseithof

Im Profil: Marc Johne und der BODONI-Vielseithof

„Bücher-Verlebendigen“ durch Typografie – das will die edition bodoni in Buskow (Ostprignitz-Ruppin). Jedes Werk ist dem Erbe des klassizistischen italienischen Typografen Giambattista Bodoni (1740-1813) verpflichtet, der nicht nur dem Verlag seinen Namen auslieh, sondern auch dem „Vielseithof“. Denn dort, wo am Rande des Dorfes bereits die edition bodoni und die Grafikagentur typowerk ihren Sitz haben, ist auch das Bodoni-Museum mit alter Druckerei und Veranstaltungsräumen untergebracht. Kreatives Brandenburg hat mit dem Verleger Marc Johne gesprochen.

Interview: Bianca Loschinsky


Foto: Thomas Henning

Herr Johne, Sie haben einmal gesagt, Sie „produzieren all das, was andere Verlage sich nicht leisten wollen“. Was meinen Sie damit?

Damit ist gemeint, dass wir vordergründig nicht nach dem rein wirtschaftlichen Erfolg eines Buches schauen, sondern in erster Linie, ob das konkrete Projekt interessant ist und einen Mehrwert für die Gesellschaft hat, auch wenn das manchmal besonderer Anstrengungen bedarf. Wir gehen also Dinge an, von denen wir vor allem überzeugt sind.

Und diese Nische haben wir nicht gesucht, sondern sie kam zu uns – durch die Wende und durch die Beschäftigung mit Faschismusforschung, deutsch-deutschem Zusammenwachsen und vielen biographischen Themen.

Haben Sie selbst an diesen Nischenthemen auch ein spezielles Interesse?

Wir sind ein sehr breit gefächerter Kreis von Mitstreitern – vom Setzer, Grafiker über Sozialwissenschaftler und Lehrer bis hin zum klassischen Historiker. Wir alle sind vereint durch einen menschlichen, ja humanistischen Anspruch.

Der Name Ihres Verlags geht auf den Typografen Giambattista Bodoni zurück. Jedes Ihrer Werke ist seinem Erbe verpflichtet. Das ist ein hoher Anspruch. Wie werden Sie dem gerecht?

Vor allem ist die Fähigkeit des Weglassens die große Kunst in der Gestaltung. Daraus speist sich unser Versuch, minimalistisch zu arbeiten und den Blick auf das Wesentliche zu richten. Was die Gestaltung anbelangt, bearbeiten wir alles im eigenen Haus – von der Konzeption über die Betreuung der Autoren bis hin zur grafischen Umsetzung und zum Druck, sowie Buchbinderei. Diese Vielfalt, gebündelt im Hause, versetzt uns in die Lage, Produktionsprozesse schnell zu verändern und anzupassen, zum Beispiel andere Papiersorten zu wählen oder geeignetere Formate auszuprobieren.

Der bodonianische Gedanke bedeutet, offen zu sein für klare Strukturen und einer guten Verbindung von Inhalt und Form gerecht zu werden, die den Leser nicht überfordert und visuell ermüdet, aber ihn inhaltlich anregt. Dieses Anregen zum Denken verpflichtet uns natürlich zu einem gewissen Programm.


Foto: Thomas Henning

 Auf welche Bereiche haben Sie sich in Ihrem Programm spezialisiert?

Der Begriff Spezialisierung ist mir ein bisschen fremd. Geschichtswissenschaftliche Themen, vor allem Faschismusforschung und Forschung zur Geschichte der Arbeiterbewegung würde ich in den Mittelpunkt stellen. Wir schauen uns z.B. die Entwicklung der beiden deutschen Staaten ganz genau an – auch anhand von Biographien, wenn möglich. Unsere spannende Aufgabe ist es, herauszubekommen, wie und warum die letzten 100 Jahre so abgelaufen sind. Um diesen Versuch so objektiv wie möglich zu gestalten, haben wir glücklicherweise viele Historiker und Autoren aus Ost und West gewinnen können. Es erscheinen viele Einzelwerke. Es gibt eine Reihe „Zwischen Revolution und Kapitulation - Forum Perspektiven der Geschichte“. Seit zwei Jahren machen wir eine Reihe zur Energiepolitik der SBZ/DDR.

Ein kleiner Bereich Lyrik ist im Entstehen. Vor zwei Jahren haben wir mit besonderen Kinderbüchern begonnen. Außerdem gibt es bei edition bodoni eine Kalenderproduktion. Das sind sehr aufwendig gestaltete Ausgaben mit Transparentpapier zwischen den einzelnen Seiten. Da wird dann wieder der bodonianische Gedanke lebendig, dass man als Verleger die Dinge auch schön ausstatten muss – und dafür weder Kosten noch Mühen scheuen sollte.

Kann ein Verlag mit Büchern zu gesellschaftlichen Nischenthemen überleben? Können Sie davon leben?

Allein von der verlegerischen Arbeit zu leben, ist ein hoher Anspruch. Da kommen ja selbst die größeren Verlage an ihre Grenzen, sie müssen immer mehr ihre Programme dem anpassen, was die Masse der Bürger konsumiert. Das machen wir eben nicht. Deshalb müssen wir intern eine andere Wirtschaftspolitik fahren. Und diese ist natürlich von viel persönlichem Engagement geprägt. Wir sehen alles in einem großen Verbund. Mit unserer Programmgestaltung haben wir Erfolg, nachdem wir bereits 25 Jahre am Markt sind. Die Titel verkaufen sich gut.

Außerdem gibt es da noch unser Grafikbüro, die Firma typowerk. Das ist ein weiteres Standbein. Mit Corporate Design-Entwicklungen, Geschäftsausstattungen, Buchgestaltung. Natürlich, neben Fremdarbeit, auch für unseren eigenen Verlag.


Foto: Thomas Henning

Ihre Leidenschaft für die Typografie wurde Ihnen quasi in die Wiege gelegt – von Ihrem Vater Klaus Johne. Wie hat er Sie herangeführt?

Mein Vater hat damals in Ost-Berlin zu Hause freiberuflich gearbeitet und saß immer im Wohnzimmer an seinem riesigen Tisch mit Papierbergen, Lineal, Stift und Typometer. Als Kind ist man da natürlich interessiert. Als Sechsjähriger habe ich mich daneben gesetzt und angefangen zu malen. Das erlebe ich heute übrigens wieder so. Nur, dass ich heute am Rechner sitze, während meine Kinder neben mir zeichnen. Mein Vater hat mir ziemlich früh vermittelt, wie Grafik und Wahrnehmung funktioniert, wie das Auge reagiert. Mit Vierzehn habe ich mich – statt Hausaufgaben zu machen – in die Druckerei verzogen. Ich habe dort am Nachmittag am Rechner gesessen und Visitenkarten entworfen, weil gerade ein Mitarbeiter krank war.

In dieser Zeit habe ich alles gelernt. Mein Vater war, als ehemaliger Dozent für Typographie an einer Berliner Fachschule, so etwas wie mein Privatlehrer. Bis spät in die Nacht saß ich neben ihm und habe mit ihm zusammen Bücher entwickelt. Ich bin also richtig in das Metier hineingewachsen. Parallel zum Abitur ist es dann zu einem halben Job geworden, aber eben alles freiwillig, mit viel Freude an Beidem. (lacht)

Wie gehen Sie mit moderner und historischer Drucktechnik um? Findet das bei Ihnen zusammen?

Wir haben bei uns drei Bereiche. Es gibt den Verein Buchwerk Bodoni, der auch das Bodoni-Museum betreibt. Dort steht die vermutlich älteste berlin-brandenburgische original im Ensemble erhaltene Bleisetzerei und -druckerei. Ihren ursprünglichen Standort hatte sie in Berlin-Mitte am Rosenthaler Platz im Hinterhof, 3. Etage. Der zweite Bereich ist eine moderne Digitaldruckerei. Hier drucken wir auch unsere Bücher im modernen Bogendruck. Und natürlich gehört eine Buchbinderei dazu. Diese Vermischung der drei Bereiche eröffnet uns einen Kosmos der Möglichkeiten. Wir kombinieren zum Beispiel bei Lyrikbänden. Den Innenteil drucken wir digital, und den Umschlag machen wir im Bleisatz und prägen diesen schön. Allerdings geht es uns nicht darum, beides zwanghaft miteinander zu verbinden. Aber meine Überzeugung ist: Man muss immer traditionell modern denken. Das ist auch der zentrale Gedanke, den wir aus dem Leben und Werk Bodonis herauslesen.


Foto: Thomas Henning 

Wieso haben Sie sich für Buskow als Standort entschieden?

Das hat zwei Gründe: Zum einen hat das mit meiner eigenen Geschichte zu tun. Mein Vater hatte zu DDR-Zeiten begonnen, sich in Buskow ein Atelier aufzubauen. Und das ganz bewusst. Er wollte sich dafür nicht in Berlin niederlassen, sondern raus in die Natur und aufs Land. Dadurch sind wir schon seit 1977 mit einem Bein in Buskow ansässig. Ich war schon als kleiner Junge ganz oft hier. Zum anderen begründet sich unser Umzug durch das Wachsen von Berlin und den Anstieg der Mieten.

Wir haben uns vor allem auch wegen der Kulturlandschaft in und um Neuruppin herum für Buskow entschieden. Wenn man gestalterisch, kreativ und künstlerisch tätig ist, braucht man vielfältigen Input. Man will zwar nicht in Sibirien leben, aber man will Sibirien haben können, wenn man es braucht. Als uns der Hof am Rande des Dorfes angeboten wurde, mussten wir nicht lange überlegen. Wir haben hier einen zentralen Standort, nicht weit weg von Neuruppin und Berlin, aber dennoch weit draußen. Ich sitze manchmal unter der Kastanie mit meinem Rechner und mache die Layouts. So muss es einfach sein!

Von Berlin nach Buskow ist auch das Bodoni-Museum gezogen, weil es in den Räumen in der Berliner Linienstraße nicht bleiben konnte. Findet das Museum auch in Brandenburg sein Publikum?

Ein ganz deutliches Ja! Wir haben damals gesagt, wenn wir rausziehen, dann müssen alle Teile des Konzeptes mit rausziehen, und so befruchten sie sich heute gegenseitig. Das Museum hat keine regelmäßigen Öffnungszeiten. Deshalb bitten wir um Anmeldung, damit wir Zeit für die kleinen und großen Leute haben, zum Beispiel auch für Kita- und Schülergruppen. Wir möchten natürlich etwas erzählen - zu jeder Maschine, der Entwicklungsgeschichte und welche zentrale Rolle der Buchdruck in der Menschheitsgeschichte gespielt hat.

Unsere Kulturveranstaltungen finden in der Druckerei im ehemaligen Kuhstall statt. Das ist das Gesamtkonzept, um die Druckerei durch Konzerte und Buchvorstellungen im Salon im Kuhstall lebendig zu halten.


Buskow Open Air 2016. Foto: Daniel Wiesenthal

 Was kann man in Ihrem Museum entdecken?

Das Besondere ist, dass die Werkstatt ein Abbild einer kompletten Manufaktur aus dem späten 19./ frühen 20. Jahrhundert ist. Es war eine typische Hinterhof-/Winkeldruckerei, von denen es in Berlin zahlreiche gab. Ein typischer Handwerksbetrieb, in der der Druckermeister mit ein, zwei Angestellten gearbeitet hat. Die Werkstatt hat einen Handsatzbereich, heute nennt man das Druckvorstufe. Dann gibt es mehrere Druckmaschinen – vom Original Heidelberger Tiegel bis zum Gally Tiegel. Dann haben wir ein ganz besonderes Schmuckstück: ein Kobold-Druckautomat, eine von weltweit sehr wenigen noch erhaltenen Maschinen. Mit Spenden wollen wir bei dieser Maschine alles wieder herrichten. Außerdem besitzen wir eine sogenannte Stoppzylinderpresse, eine MAN-Druckmaschine, die bis zum Format 50 mal 70 Zentimetern drucken kann.

Sie zeigen auch Kita- und Schülergruppen, wie Drucken funktioniert.

Ja, da geht es erst einmal mit einem Pappdruckverfahren los. Die Kinder können aus Pappe Motive ausschneiden, diese aufkleben und dann mit einer Farbrolle darüber rollen. So kann man schon Vier- oder Fünfjährigen diesen Prozess des Erschaffens vergegenwärtigen.

Der Vierseitenhof in Buskow soll nicht nur den Verlag, die Grafikagentur und das Museum beherbergen, sondern ein „Vielseithof“ sein. Welche Idee steckt dahinter?

Bei uns sollen sich Menschen treffen können, die über den Hebel der Kultur gesellschaftliche Prozesse in Gang setzen wollen – im Sinne eines fortschrittlichen, aufgeklärten Geistes. Kultur ist eine Brücke, um Werte zu vermitteln: Literatur, Theater, Musik, die bildenden Künste sind wesentliches Futter für den Geist. Wir versuchen möglichst breit gefächert an Künstler heranzutreten. Kürzlich hatten wir den Musiker Hans-Eckardt Wenzel auf unserem neuen Veranstaltungsformat „Buskow Open-Air“ zu Gast. Geplant ist auch, eine Art „Artist-in-Residence“ aufzubauen, um auch internationaler werden zu können. Dafür gestalten wir auf dem Hof gerade eine Ferienwohnung.


Buskow Open Air 2016. Foto: Daniel Wiesenthal

Und Heine gehört fest in Ihr Repertoire?

Am 10. Dezember hatten wir eine Heine-Veranstaltung mit dem Literaturwissenschaftler Dr. Arnold Pistiak. Seit 1997 drucken wir jedes Jahr zu Heines Geburtstag in der alten Bleisetzerei ein Blatt. Die Maschinen werden dann auch manchmal szenisch mit eingebunden. Unsere Veranstaltungen kann man natürlich unter www.bodoni.org finden. Dort gibt es auch einen Newsletter.

Warum betreiben Sie diesen ganzen Aufwand?

Wenn ich jetzt sage, aus Freude am Menschsein, dann klingt das natürlich sehr pathetisch. Aber alle 15 bis 20 Leute, die hier mitwirken, sind sich darüber einig, dass die digitalisierte Welt für uns Menschen nur funktionieren kann, wenn man das Zwischenmenschliche pflegt und nicht aus den Augen verliert. Dafür ist Kultur die sinnvollste Brücke. Es macht natürlich auch Spaß, diese Projekte zu entwickeln und scheinbar Unmögliches möglich zu machen. Wir können da Angebote machen, die über den Tellerrand hinausblicken. Durch unsere Struktur können wir oftmals dort beginnen, wo andere gerade aufhören. Deshalb auch die editorischen Nischen im Verlag, weil wir den Blick des Lesers schärfen wollen.

Weitere Informationen:
Verlag edition bodoni auf Kreatives Brandenburg
Bodoni-Museum Buchwerk auf Kreatives Brandenburg
http://bodoni.org/
www.edition-bodoni.de