30. April 2015

Im Profil: Die Autorin und Verlegerin Dorothea Flechsig

Im Profil: Die Autorin und Verlegerin Dorothea Flechsig

Schon als Kind hat Dorothea Flechsig gern geschrieben, seit zehn Jahren verdient sie damit ihren Lebensunterhalt, seit 2011 erscheinen ihre Bücher im eigenen Glückschuh Verlag. Ihre Sandor-Fledermaus-Geschichte wurde vom Bücher-Magazin als „grandios“ bewertet und ihr „Kinderatlas“, in dem die Protagonistin Petronella Glückschuh Deutschland erkundet, Naturparks und grüne Oasen vorstellt, ist gleich mit drei Preisen ausgezeichnet worden. Kreatives Brandenburg sprach mit der in Falkensee lebenden Autorin und Verlegerin.

Interview: Bianca Loschinsky

Auf der Leipziger Buchmesse 2015 sind Sie für Ihren Kinderatlas mit dem Emys-Preis, einem Sachbuchpreis für die besten Titel der Kinder- und Jugendliteratur, ausgezeichnet worden. Es ist bereits die dritte Auszeichnung für das Buch. Wie ist die Idee zum Kinderatlas entstanden?

Vor drei Jahren haben wir auf der Leipziger Buchmesse mit dem Glückschuh Verlag unsere ersten Werke präsentiert. Da kam eine Frau aus Estland auf uns zu, der die Petronella-Glückschuh-Geschichten gefielen. Sie arbeitete mit einem Verlag in Tallinn zusammen, der Karten erstellt und eine Zusammenarbeit vorschlug. Der Verlag Reach-U hatte bereits in Estland mit einer bekannten Kinderbuchfigur - der Hündin Lotta - einen Kinderatlas mit Straßenkarten produziert.

Ich hatte Interesse, allerdings habe ich zur Bedingung gemacht, dass es kein reiner Straßenatlas wird, weil der Schwerpunkt des Glückschuh Verlags Umwelt- und Naturschutz ist. Deshalb gibt es im Atlas Ziele, die mit der Bahn und mit dem Auto erreicht werden können. Bei den Straßenkarten sollte darauf geachtet werden, dass schöne Gebiete - wie beispielsweise Naturschutzgebiete - gezeigt werden, damit die Kinder die Tierwelt und die Umgebung besser kennenlernen.

Damit wir das Projekt umsetzen konnten, haben wir Partner gesucht, die uns dabei unterstützten. Das sind der BUND und „Fahrtziel Natur“.

 

Ist es nicht erstaunlich, dass gerade ein Atlas mit so vielen Preisen bedacht wird?

Nein, das finde ich nicht erstaunlich, weil ein solches Buch unheimlich viel Arbeit kostet und diese auch gewürdigt werden kann. Meine Petronella ist ja eine kleine Naturforscherin, die gern draußen ist, die Tiere beobachtet und die Natur liebt. Die Figur passt gut zu diesem Atlas. Es ist sozusagen ein Gesamtpaket, um Kinder zu motivieren, nach draußen zu gehen und nach besonderen Tierarten und Pflanzen Ausschau zu halten. Wir haben viele positive Rückmeldungen bekommen, dass der Atlas auch so genutzt wird, wie wir es uns gewünscht haben.

Wird der Kinderatlas bereits in Schulen eingesetzt?

Ich weiß von einer Grundschule in Brandenburg und einer weiteren in Freiburg, die den Atlas für den Unterricht bestellt haben. Für einen Verlag ist es allerdings nicht so leicht, in den Schulbereich vorzudringen. Für meine Fledermaus-Figur Sandor habe ich auch gemeinsam mit einer Pädagogin ein Lernheft zu Fledermäusen entwickelt. Doch was den Vertrieb für den Schulbereich angeht, müssen wir noch mehr dazulernen.

Petronella Glückschuh, die durch den Kinderatlas führt, ist eine Figur, die ihre Leser bereits in anderen Büchern erleben konnten. Ist sie eine rein fiktionale Figur oder steckt ein reales Mädchen dahinter?

In den Büchern greife ich meine eigene Kindheit auf. Das finden die Kinder in den Schulen oft interessant oder auch lustig, wenn ich bei Lesungen erzähle, dass viele Geschichten tatsächlich so passiert sind. Die Kinder dürfen immer raten, welche Erzählungen der Wahrheit entsprechen und welche ich als Autorin erfunden habe. Der Name Petronella Glückschuh stammt von meiner Nichte, die ihn mir als Neunjährige vorgeschlagen hat.

Den Glückschuh-Verlag haben Sie im März 2011 gegründet. Was war der Anlass dafür?

Ich schreibe seit vielen Jahren für einen Verlag, der die Prinzessin-Lillifee-Magazine macht. Und ich habe noch einige andere Autorentätigkeiten. So habe ich unter anderem für den Nelson-Verlag ein Buch mit Ponyhof-Geschichten geschrieben, für KIKAninchen habe ich gearbeitet, und auch in einem Oma-Vorlese-Buch vom Carlsen-Verlag waren Geschichten von mir. Ich wollte jedoch auch gern Geschichten mit meinen eigenen Figuren veröffentlichen. Die Zusammenarbeit mit einem kleineren Verlag war leider nicht so erfreulich, so dass ich schließlich mein Urheberrecht zurück erkämpft und mich entschieden habe, meinen eigenen Verlag zu gründen. Weil ich damit alle Rechte und künstlerischen Freiheiten habe: Ich kann Illustratoren aussuchen, kann über die Gestaltung des Buches entscheiden. Ich bin komplett mein eigener Herr, diese Herausforderung fand ich gut.

Ihre Bücher haben alle den Schwerpunkt Natur und Tiere. Welche Intention steckt dahinter?

Ich hatte einfach das Gefühl, dass das Themen sind, bei denen wir alle achtsamer sein sollten, weil wir künftig einiges im Umgang mit der Natur ändern müssen. Ich finde es wichtig, ein Bewusstsein und eine Sensibilität bei den Kindern dafür zu wecken.

Also ist es Ihnen wichtig, dass die Kinder durch Ihre Bücher etwas lernen?

Ja, das wäre natürlich schön, aber ich finde es schon toll, wenn Kinder überhaupt ein Buch lesen wollen und Freude am Lesen haben. Da muss es keinen pädagogischen Lernhintergrund geben. Es hat sich so ergeben, dass wir zum Beispiel mit dem dritten Sandor-Buch Fledermaus-Gruppen unterstützen. Von jedem verkauften Buch geben wir einen Euro ab, weil mir das wichtig ist.

 

Ursprünglich sind Sie Drehbuchautorin. Wann haben Sie begonnen, Kinderbücher zu schreiben?

Ich habe schon als Kind gern geschrieben. Und seit zehn Jahren verdiene ich Geld mit dem Schreiben. An Kinderbüchern arbeite ich seit etwa sieben Jahren. Davor habe ich hauptsächlich als freie Journalistin gearbeitet.

Wieso haben Sie sich für Kinderbücher entschieden?

Weil mir das am meisten Spaß macht. Von Kindern bekommt man immer ganz ehrlich und offen Zuneigung oder Ablehnung. Ich habe das Gefühl, ich bekomme über die Kinderbücher und die Leser ganz viel zurück.

Können Sie von den Büchern, die Sie in Ihrem eigenen Verlag veröffentlichen, leben, oder haben Sie noch ein zweites Standbein?

In manchen Monaten könnte ich davon allein nicht leben. Es gibt Zeiten - wie Weihnachten und Ostern -, in denen ich gut verkaufe, aber eben auch weniger gute Monate. Deshalb arbeite ich immer noch als freie Autorin und nehme Auftragsarbeiten an. So haben wir für den Landkreis Ostprignitz-Ruppin einen Kinderkulturführer „Theos Entdeckungen“ gemacht. Das geht natürlich auf Theodor Fontanes „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ zurück. An dem Kulturführer waren auch Schüler beteiligt.

Ihre Bücher leben auch viel von den Illustrationen. Wie entscheiden Sie, mit wem Sie zusammenarbeiten?

Das ist manchmal Zufall. Die Illustratorin Alaa El-Bundegji kam auf der Frankfurter Buchmesse auf mich zu und stellte sich gleich mit einer Mappe bei mir vor. Sie hat dann „Chacha-Casha. Das kleine Chamäleon“ illustriert. Christian Puille, der die ersten Sandor und Petronella-Bücher so wunderschön illustriert hat, ist ein richtiger Profi. Ihn kannten wir schon vorher. Katrin Inzinger wurde uns empfohlen.

In wie vielen Sprachen erscheinen Ihre Bücher?

Petronella gibt es bislang in Deutsch, Estnisch und Spanisch. Wir haben inzwischen einen großen spanisch-sprachigen Markt, weil wir die Lizenzen an einen großen Verlag verkauft haben, so dass Petronella und Sandor in über 22 Ländern in Nord-, Mittel- und Südamerika erschienen sind. Auf der Buchmesse in Bologna haben wir noch mehr Anfragen erhalten. Wir sind gerade dabei, weitere Lizenz-Verträge zu gestalten. Da ist zum Beispiel der asiatische Raum in Gespräch. Ich habe jetzt auch Literaturagenten, die mich in anderen Ländern vertreten wollen. Da gehen Petronella und Sandor nun in die Welt!

Ihre Bücher gibt es auch als CDs, aber teilweise auch als E-Books und als App. Wie wichtig ist es, dass Kinderbücher digital veröffentlicht werden?

Ich denke, es ist gut, als Verlag viele Möglichkeiten anzubieten. Ob die Eltern sich mit dem Kind das Buch auf dem Tablet ansehen oder als gedrucktes Buch – beides ist genauso inniglich und schön fürs Kind. Ein Hörbuch kann genauso gut wirken, weil manche Kinder lieber übers Zuhören eigene Bilder entwickeln. Andere möchten lieber die Bilder im Buch dazu betrachten. Als Verlag will ich da modern sein und mich nicht vor dem digitalen Markt verschließen. Ich persönlich finde das gedruckte Buch am schönsten.

Sie stammen aus Coburg. Was hat Sie ins Land Brandenburg gezogen?

Mein Ehemann! (lacht) Mein Mann hat in Berlin studiert, deshalb bin ich dann auch dorthin gezogen. Das Haus, in dem wir in Falkensee wohnen, gehörte seinem Opa. Kurz nach der Wende konnten wir dann hier unser Zuhause aufbauen.

 

Fühlen Sie sich heimisch in Brandenburg?

Ich bin auch gern in meiner alten Heimat, in den oberfränkischen Dörfern und besuche meine Eltern und meine alten Schulfreunde. Aber ich bin sehr froh, dass ich hier lebe. Berlin käme für mich nicht in Frage. In Falkensee bin ich in der Nähe der Natur, in der Nähe des Waldes. Ich kann hier gut nachdenken. Wenn ich mit Geschichten nicht weiterkomme, gehe ich spazieren.

Sie schreiben gerade an einem neuen Roman für Kinder. Um was wird es gehen?

In dem neuen Buch spielen Natur und Umwelt auch wieder eine Rolle, aber auch die Menschlichkeit. Sozialkritische Themen sollen in meinem Verlag ebenfalls ihren Platz finden. Im weitesten Sinne geht es in dem Roman darum, dass man Menschen nicht immer nach dem Äußeren beurteilen soll. Und so viel kann ich verraten: Es wird eine brandenburgische Geschichte sein für Kinder von acht bis zwölf.

Wann wird der Roman erscheinen?

Das Buch soll im Herbst zur Frankfurter Buchmesse veröffentlicht werden. Da stehe ich jetzt etwas unter Druck. (lacht) Aber ich habe die Geschichte komplett im Kopf und weiß genau, was passieren soll.

Dann wünsche ich Ihnen viel Erfolg! Und vielen Dank für das Gespräch.

Dorothea Flechsig beteiligt sich an den Offenen Ateliers am 2. und 3. Mai. Gemeinsam mit der Illustratorin Katrin Inzinger werden kleine und große Gäste im Garten und im Atelier begrüßt. An beiden Tagen stehen jeweils um 14. 30 Uhr Lesungen und anschließend ein Kinderworkshop mit der Illustratorin Katrin Inzinger auf dem Programm. Am 2. Mai können sich Kinder nach einer Sandor-Lesung unter professioneller Anleitung im Zeichnen von „Fledermaus-Studien“ üben. Am 3. Mai dürfen sich die Kinder nach einer Petronella-Glückschuh-Lesung im Skizzieren von „Tier-Studien“ versuchen.

Weitere Informationen:
www.glueckschuh-verlag.de
www.dorothea-flechsig.com

Fotos: Dorothea Flechsig